VI. Natur und Geist im Lichte geisteswissenschaftlicher Erkenntnis

GA 150/1913-06-08/p009 ·1913-06-08 · original (original)
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So wie wir den Menschen als ein belebtes und beseeltes Wesen betrachten, so müssen wir auch die Erde betrachten. Nur weil wir als so kleine Wesen über die Erde gehen, sehen wir nicht, daß sie zugleich Leib und Seele hat. Aber das rührt auch von der materialistischen Zeit her. Kepler zum Beispiel, der doch auch zu denken wußte, sagt noch, daß er die Erde als einen großen Organismus betrachtet. Nur hatte er keine okkulte Anschauung über die Erde, daher wußte er nicht, daß der Winter Wachen und der Sommer Schlafen bedeutet für die Erde, und er stellte sich die Erde vor als einen großen Walfisch, anstatt sie sich als ein beseeltes Wesen zu denken, das höher ist als der Mensch. Er schob die Verhältnisse etwas herab, sah die. Erde als einen Walfisch an, und in der Luftbewegung sah er das Ein- und Ausatmen des Tieres. Das war auch die Anschauung Giordano Brunos. Für ihn war die Erde ein großer, beseelter Organismus, der in Ebbe und Flut seinen Atmungsprozeß hat. So auch Goethe: Die Erde ist ein großes, belebtes Individuum, das in der Ebbe und Flut, in den Luftströmungen und im Meere seinen Ein- und Ausatmungsprozeß bekundigt. — Ja, die Geister der älteren, mehr spirituellen Zeit wußten noch, daß man die Erde nicht so abstrakt theoretisch betrachten kann, wie man das heute tut in einer Weise, als ob man ein Haar oder einen Nagel für sich beschreiben könnte, während man wissen sollte, daß diese nicht ohne den ganzen Organismus bestehen können, daß sie begründet sind im ganzen Organismus. Die naturalistische Anschauung weiß nicht, worauf es ankommt. Bei der Weltbetrachtung kommt es darauf an, daß man bei allem in der Welt sich muß fragen können: Ist das ein Teil eines Ganzen oder ist es selber ein Ganzes? — Wenn jemand einen menschlichen Zahn findet, dann darf er diesen nicht als Einzelwesen betrachten, sondern der Zahn ist nur begründet, wenn er betrachtet wird als ein Teil des Menschen. So ist es auch ein Unding, eine einzelne Pflanze zu beschreiben, denn sie ist nur denkbar als ein Teil des ganzen Erdenwesens. So ist nur denkbar der äußere Leib der Erde mit der Seele und dem Geist der Erde. Und wenn man nichts weiß von dem Geist der Erde, wenn man nicht weiß, daß diese Erde der Leib ist eines Geistes, wie es unser eigner Leib ist, dann betrachtet man eben die Erde, wie die Mineralogie, die Geologie, die Botanik sie betrachten. Diese haben nicht das Bewußtsein, daß hinter allem, was sie beschreiben, der dirigierende Erdgeist ist. Wenn ich ein Stück aus einem Felsen schlage, ist es leicht zu sagen: Da ist kein Geist darin! — In einem Stück Zahn ist auch kein Geist darin, aber das Stück Zahn ist nicht denkbar ohne den ganzen Menschen und das Seelisch-Geistige, zu dem es gehört.

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Cite: GA 150/1913-06-08/p009 · edition original