I. Die drei geistigen Vorstufen des Mysteriums von Golgatha
Es gilt, die Gedanken lebendig zu gestalten, gleich einem Pflanzensamen. Samenkörner können ausgesät, geerntet und dann zur Nahrung verwendet werden. Dadurch kommen sie von ihrem eigentlichen Wege ab, der aus dem Samenkorn neue Pflanzen sprießen Heße. So hat der Mensch die Gedankensamen gesammelt in die Scheunen der Naturwissenschaft und Philosophie, sie angehäuft und sie vertrocknen lassen. Der Pflanzensamen muß, seinem Wesen nach, in die ihn belebende Umwelt versenkt werden, soll er zu neuem Sprießen kommen. So’ gilt es, die Gedankensamen Hegels hineinzuversenken in den Boden der Geisteswissenschaft, dort können sie zu fruchttragendem Leben emporwachsen, zu den Geistfähigkeiten der Imagination, Inspiration und Intuition. An Stelle des kategorischen Imperativs wird das Ich aus der Kraft des erwachten Denkens die «moralische Phantasie» betätigen. Dann aber wird auch möglich sein, aus den Erdenkräften heraus den kommenden Christus-Impuls zu verstehen. Das ist der Zusammenhang zwischen der Welt des Gedankens in der «Philosophie der Freiheit» und den in unserer Seele aufgehenden höheren Erkenntniskräften, durch die Wege, die die Geisteswissenschaft weist.
Cite:
GA 152/1914-03-05/p024 · edition original