{"corpus":"steiner","locus":"GA 152/1914-05-27/p020","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wir können drei Epochen in der Entwickelung dieses Jesus von Nazareth unterscheiden. Die erste vom zwölften bis zum achtzehnten Lebensjahr. Die zweite vom achtzehnten bis zum vierundzwanzigsten Lebensjahr. Die dritte etwa vom vierundzwanzigsten bis zum dreißigsten Lebensjahr. Es lebte der junge Jesus von Nazareth in dem Hause, dem vorstand sein wirklicher Vater und die Mutter des salomonischen Jesusknaben. Die beiden anderen waren mittlerweile gestorben. Der junge Jesus von Nazareth wurde äußerlich eingeführt in das Handwerk des Vaters, eine Art Schreiner- oder Zimmermannshandwerk. Dabei aber entwickelte er sich merkwürdigerweise mit unendlicher Vollkommenheit des geistigen Lebens in seiner Seele. Festhalten müssen wir, daß im Grunde genommen die tief bedeutungsvolle Entwickelung des jungen Jesus von Nazareth niemand aus seiner Familienumgebung verstand. Er war mit ihr einsam schon als Knabe von zwölf bis achtzehn Jahren; ganz einsam mit ihr. Merkwürdig war diese innere Entwickelung, die sich in der Einsamkeit der Seele vollzog, dadurch daß wie aus dem tiefen Seelengrund heraufholen konnte Jesus von Nazareth all dasjenige, was an großen Offenbarungen dem jüdischen Volk im Laufe der Zeit geworden war. Das israelitische Volk hatte ja in der Zeit, in der Jesus von Nazareth lebte, kaum noch etwas anderes als schriftliche Überlieferungen desjenigen, was einstmals die uralten Propheten in unmittelbaren Offenbarungen erhalten hatten aus den geistigen Welten herunter. Man wußte aus den Schriften, was die Alten geoffenbart erhalten hatten, aber man hatte keine Möglichkeit mehr, hinaufzureichen zu dieser Offenbarung selbst, die einstmals den uralten Propheten zugekommen war durch jene Stimme, die man die große Bath-Kol nannte. Wie in rückläufiger Entwickelung machte Jesus von Nazareth in sich selbst alles dasjenige wieder durch, was das jüdische Volk durchgemacht hatte, und er arbeitete sich hinauf bis zu dem Punkte, daß seine Seele verspürte: Die große Bath-Kol spricht wieder zu mir. Unmittelbar aus der geistigen Welt vernehme ich die Stimme, die einmal die Propheten empfangen haben. Und wie es bei solch innerer Entwickelung geht, so war es auch bei Jesus von Nazareth: diese innere Entwickelung war verbunden mit dem tiefsten seelischen Schmerz und Leid. Die höchsten Erkenntnisse erwirbt man sich nicht ohne Schmerz und Leid. Namentlich war es eines, das sich wie ein furchtbarer Schmerz ablagerte in der Seele des etwa siebzehnbis achtzehnjährigen Jesus von Nazareth, als er sich sagte: Einmal hat gesprochen die große Bath-Kol die wunderbarsten Offenbarungen zu dem jüdischen Volk. Heute ist das jüdische Volk da, aber wenn die große Bath-Kol heute zu ihm sprechen würde, es wäre niemand da, sie zu hören. Die Schriften verstehen sie, die lebendige Schrift aber verstehen sie nicht mehr. - Einsam war er in sich; eine ungeheure Traurigkeit kam über seine Seele, über dasjenige, was aus seinem Volk geworden war in der herabgehenden Entwickelung der Menschheit. Dann kam die Zeit, wo hinausgeschickt werden sollte in die Welt Jesus von Nazareth. Er wanderte, indem er sein Handwerk da und dort betrieb, in den verschiedensten Gegenden umher, sowohl in Palästina als auch außerhalb Palästinas, in heidnischen Gegenden. Merkwürdig waren diese Wanderungen namentlich in ihrem Eindruck auf die Menschen, zu denen Jesus von Nazareth kam. Das, was der Schmerz in seiner Seele verrichtet hatte, das hatte sich umgewandelt in etwas wie Liebe, die man unmittelbar in seiner Gegenwart von ihm ausströmen fühlte. Wenn er so am Abend, nachdem er die Arbeit verrichtet hatte, bei den Menschen war, die er besuchte, mit ihnen zusammensaß, so fühlten sie, wie eine Atmosphäre von Liebe mit seinen Worten, aber auch durch seine bloße Anwesenheit, auf sie überging. Das Liebedurchtränkte, was er mit ihnen sprechen konnte, das machte den tiefsten Eindruck auf die Leute, und wenn er weggegangen war, anderswo zu arbeiten, so blieb bei den Leuten, die er verlassen hatte, etwas wie die allerlebendigste Erinnerung an ihn zurück. Oftmals kam es vor, daß Jesus von Nazareth schon drei oder vier Wochen weg war, da hatten die Leute, die er vor drei bis vier Wochen verlassen hatte, die gemeinsame Vision, daß er wiederum zu ihnen hereinträte und mit ihnen sprach — die Vision sprach mit ihnen. So tief war der Eindruck, daß er im Grunde genommen bei ihnen geblieben war, dieser Jesus von Nazareth. So drückte sich das, was Jesus von Nazareth war, in Hundert und Aberhundert von Seelen ein, da er herumwanderte in seinem achtzehnten bis vierundzwanzigsten Jahr.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"III. Der Fortschritt in der Erkenntnis des Christus Das Fünfte Evangelium","site_heading":null,"date":"1914-05-27","location":null,"word_count":700,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/152/1914-05-27/p020","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/152/1914-05-27/p020"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/152/1914-05-27/p020","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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