Vierter Vortrag

GA 153/1914-04-12/p015 ·1914-04-12 · original (original)
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Nun stellt sich allmählich bei dem Menschen, der also in die Geisteswissenschaft eindringt, etwas Eigentümliches heraus. Ein solcher Mensch, der vielleicht Übungen macht, vielleicht nicht einmal Übungen macht, um selbst Geistesforscher zu werden, sondern der sich nur ernstlich bemüht, Geisteswissenschaft zu verstehen, ein solcher wird vielleicht lange, lange nicht daran denken können, selber etwas hellseherisch zu schauen. Er wird es einmal können, aber das kann vielleicht noch ein fernes Ideal bei ihm sein. Aber wer Geisteswissenschaft in dem angedeuteten Sinne wirklich auf seine Seele wirken läßt, der wird sehen, daß sich in seiner Seele die Instinkte des Lebens, die mehr unbewußten Triebfedern des Lebens ändern. Seine Seele wird wirklich anders. Man begibt sich nicht in den Betrieb der Geisteswissenschaft hinein, ohne daß diese Geisteswissenschaft die Seele instinktiv beeinflußt, sie anders macht, ihr andere Sympathien und Antipathien gibt, sie gleichsam mit einem Licht durchgießt, so daß sie sicherer fühlt als sie vorher gefühlt hat. Das kann man auf jedem Gebiete des Lebens bemerken; auf jedem Gebiete des Lebens äußert sich die Geisteswissenschaft in der geschilderten Weise. Man kann ein ungeschickter Mensch sein im Leben und wird Geisteswissenschafter, und man wird sehen, daß, ohne daß man irgend etwas anderes getan hat, als sich mit dieser Geisteswissenschaft zu durchdringen, man bis in die Handgriffe hinein geschickter wird. Sagen Sie nicht: Ich kenne sehr ungeschickte Geisteswissenschafter, die sind noch lange nicht geschickt geworden! — Versuchen Sie nachzudenken darüber, inwiefern diese doch noch nicht so, wie es eben nach ihrem Karma nötig ist, sich wirklich innerlich durchdrungen haben mit der Geisteswissenschaft. Man kann ein Maler sein, bis zu einem gewissen Grade die Malkunst handhaben. Wird man Geisteswissenschafter, so wird man sehen, daß das, was jetzt eben angedeutet worden ist, in die instinktive Handhabung der Malkunst einfließt. Man mischt leichter die Farben, Ideen, die man haben will, kommen einem eher. Oder nehmen wir an, man sei Gelehrter, man solle irgendwie etwas Wissenschaftliches arbeiten. Gar mancher, der in diesem Falle ist, wird wissen, was es oft für Mühe kostet, die Literatur zusammenzusuchen, um irgendeine Frage zu lösen. Wird man Geisteswissenschafter, so geht man nicht mehr wie früher in die Bibliotheken und läßt sich erst fünfzig Bücher geben, die nichts nutzen, sondern man greift unmittelbar an das Richtige. Es greift wirklich Geisteswissenschaft in das Leben ein, macht die Instinkte anders, versetzt in unsere Seele 'Triebfedern, die uns geschickter ins Leben hineinstellen.

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Cite: GA 153/1914-04-12/p015 · edition original