Fünfter Vortrag
Es ist außerordentlich schwierig, ich möchte sagen, vom Standpunkt des physischen Planes aus dieses, was da im Inneren der Seele des Menschen vorgeht, wirklich sachgemäß zu schildern. Denn es ist ein innerer Vorgang, der im Grunde etwas ungeheuer Umfassendes, etwas ungeheuer Bedeutsames hat. Es ist ein innerer Vorgang, der ja im Grunde kurz dauert, aber von einer für das gesamte menschliche Leben universalen Bedeutung ist. Nun, wenn man den Vorstellungsinhalt dessen schildern möchte, was da mit der Seele vorgeht, diesen Vorstellungsinhalt, den man natürlich heute in einem öffentlichen Vortrag noch nicht berühren kann, denn er würde die Öffentlichkeit zu sehr frappieren — vielleicht kommt aber auch dazu die Zeit -, wenn man den äußeren, also jetzt geistig äußerlichen Vorstellungsvorgang schildern wollte, mit dem sozusagen der Lebensweg beginnt, der zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verläuft, so könnte man sagen, der durch die Pforte des Todes Geschrittene hat zunächst das Gefühl: Du bist jetzt in einem ganz anderen Verhältnisse zur Welt als du vorher warst, und das ganze frühere Verhältnis, das du zur Welt hattest, ist im Grunde genommen umgekehrt, radikal umgekehrt. Man müßte eigentlich in der folgenden Weise schildern, wenn man das, was da vorstellungsmäßig erlebt wird, schildern wollte. Man müßte sagen: Der Mensch hat bis zu seinem Tode auf der Erde gelebt, er ist gewohnt gewesen in dieser Zeit auf der festen, materiellen Erde zu stehen, auf dieser materiellen Erde die Wesen des mineralischen, pflanzlichen, tierischen Reiches, Berge, Flüsse, Wolken, Sterne, Sonne und Mond zu sehen, und ist gewohnt worden, durch seinen eigenen Gesichtspunkt und durch seine im physischen Leib vorhandenen Fähigkeiten, sich dieses Ganze so vorzustellen, wie man es sich ja doch vorstellt, trotzdem man heute durch den Kopernikanismus weiß, daß es im Grunde ein Scheinbild ist: Da oben ist das blaue Himmelsgewölbe wie eine Himmelsschale, da sind die Sterne darauf, darüber gehen Sonne und Mond und so weiter, man selber ist wie in dieser Schale, in dieser Hohlkugel, im Inneren da drinnen, in der Mitte, auf der Erde, mit dem, was einem die Erde für die Wahrnehmung zeigt.
Cite:
GA 153/1914-04-13/p005 · edition original