Die Erweckung spiritueller Gedanken als Zeitforderung
Vor kurzem ist ein sehr lieber Freund von uns verstorben, dessen Einäscherung eine große Anzahl der hier versammelten Freunde beigewohnt hat. Er hätte morgen seinen dreiundvierzigsten Geburtstag gehabt, am 6. Mai. Der Betreffende hat in den letzten Jahren seines Lebens hier viel gelitten. Ich möchte sagen, wie in Parenthese möchte ich einflechten eine wunderbare Ausführung seiner letzten Zeiten, von denen mir seine Gattin vor kurzem gesprochen hat. Unser Freund hat sich gewehrt in der Zeit, in der er viel litt, nicht dagegen etwa, sich tatsächlich zuzugestehen, daß er leiden müsse, aber er hat sich gewehrt dagegen, krank zu sein. Er sei nicht krank, sagte er. Er litte zwar, aber er sei nicht krank. Und er wollte durchaus, daß ein solcher Ausspruch nicht als Wortklauberei aufgefaßt werde, sondern daß dadurch wirklich etwas gesagt werden soll. Es war diese von ihm geprägte Definition: Ich leide zwar, aber ich bin nicht krank — entsprungen aus dem Bewußtsein, dasjenige, was ich als geistige Wissenschaft in mir tragen kann, was mich als geistige Wissenschaft innerlich hält und trägt, macht alle Anfechtungen des Krankseins zunichte. Ich spüre, daß ich leide, aber die Gesundheit meiner Seele ist so groß, daß, wenn ich dagegen auf meine körperlichen Zustände blicke, ich mich nicht krank nennen darf. Man könnte noch viel reden über diese Definition. Es ist etwas ungeheuer Bedeutungsvolles, etwas, was so recht geeignet ist, als Empfindung die menschliche Seele zu durchdringen.
Cite:
GA 154/1914-05-05/p020 · edition original