{"corpus":"steiner","locus":"GA 154/1914-05-05/p026","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Unser Zeitalter ist ein anderes als diejenigen vergangener Zeiten. Unser Zeitalter ist ein solches, daß wir heranwachsen müssen — und ich bitte, dieses Wort nicht im äußeren Sinn zu nehmen, sondern in tief innerem Sinne — zu einer mündigen Menschheit. Zu einer mündigen Menschheit, die durch die eigene Seele finden muß den Weg in die geistigen Welten hinauf. Die Religionsstifter der alten Zeiten redeten vor einer unmündigen Menschheit. Sie redeten zu der Menschheit, durch die alle unsere Seelen auch durchgegangen sind. Die Religionsstifter dieser alten Zeiten kannten ihre Zeiten und sie wußten, daß sie so, wie sie einstmals zur Menschheit gesprochen haben, zu der Menschheit, die der Zukunft entgegenleben soll, nicht würden sprechen können. Denn diese muß mündig werden. Nehmen wir an, der Angehörige eines Volkes der alten Zeiten, er hätte sich entweder auf die sinnlichen Vorstellungen beschränken oder aber zu Phantasievorstellungen greifen müssen, je nachdem würde er verkrüppelt oder wenigstens doch verwirrt in die geistige Welt hineingekommen sein. Da kam der Religionsstifter. Er brachte wahre Vorstellungen aus der geistigen Welt heraus. Der Angehörige eines Volkes der verflossenen Zeit sagte sich: Nicht ich, insofern ich sinnlich wahrnehme, insofern ich in meiner Phantasie arbeite, sondern die Religionsstifter, Zarathustra, Buddha, Krishna, sie sind es, die Vorstellungen in mir anregen, durch die ich den Einlaß in die geistige Welt finde. - Ob das Ich Verwirrung stiftet oder blind wird, der Mensch dieses Zeitalters muß mündig sein. Daß er als Mündiger den Weg finden kann in die geistige Welt, dazu hat sich vollzogen das Mysterium von Golgatha. Nicht mehr erscheint der Religionsstifter als solcher vor der äußeren Menschheit, wie er früher erschienen ist. Denn diejenigen, die den Christus mit den alten Religionsstiftern auch nur vergleichen, die verstehen gar nichts von dem Christus. Denn der Christus hat zunächst gewirkt durch eine Tatsache, die anderen Religionsstifter durch die Lehren. In dem Augenblick, wo man den Christus einen Weltenlehrer nennt, bezeugt man, daß man gar nicht weiß, wer der Christus ist. Dasjenige, worauf es bei dem Christus ankommt, ist die Tat, die er vollbracht hat, die sich vollzogen hat von dem Ereignis an, welches wir sehen in der Johannestaufe bis zu der Kreuzigung auf Golgatha. Was da für die Menschheit geschieht, ist im Geistigen dasjenige, worauf es ankommt. Was da geschehen ist, das ist das, was die Menschenseelen beseligen kann seit jener Zeit, das Wort, das Paulus ausgesprochen hat: «Nicht ich, der Christus in mir.» Denn der Christus ist der Weg in die geistige Welt geworden, weil er in diese Welt hereingebracht hat die geistige Welt, die der Mensch braucht, wenn er nicht ein Krüppel oder ein Blinder in der geistigen Welt sein soll. Man kann ja heute den Christus ableugnen, man kann herumgehen in der Welt und kann sagen: Es ist kein Beweis dafür da, daß der Christus in der Außenwelt gelebt hat im Leibe des Jesus von Nazareth. — Gewiß, man hat es sogar bewiesen, daß kein historischer Christus da war. Man beweist aber damit nur, daß man nicht weiß, worauf es ankommt. Hätte der Christus irgendwo an einen Felsen eingekratzt, für alle späteren Geschlechter: Ich bin da gewesen -, so hätten alle späteren Geschlechter aus der Sinnenwelt heraus die Tatsache gewußt, dann hätten sie es nicht zu glauben brauchen. Daß eben dieses nicht der Fall war, daß man ihn nicht erkennen kann mit sinnlichen Mitteln, sondern daß man ihn erkennen muß mit der Kraft des Geistes, das ist das Erlösende, das ist die tiefe Bedeutung, die in ihm liegt. So muß man es auffassen, dann findet man ihn in unmittelbarer Verbindung mit demjenigen, was den Menschen schon hier auf Erden heraushebt aus der sinnlich-physischen Welt und ihn in die geistige Welt hinein erhebt. Denn für den, der sich nicht in die geistige Welt erheben kann, ist alles das gar nicht da, regt immer wiederum den Zweifel an.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Die Erweckung spiritueller Gedanken als Zeitforderung","site_heading":null,"date":"1914-05-05","location":null,"word_count":633,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/154/1914-05-05/p026","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/154/1914-05-05/p026"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/154/1914-05-05/p026","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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