Erster Vortrag
Wenn der Mensch zunächst für seine Sinneserkenntnis und für sein gewöhnliches Leben an sich vorübergehen läßt dasjenige, was ihn umgibt, was er beobachten kann, und wenn er dann auch einen Blick auf das eigene Leben wirft, so kommt eigentlich nicht viel mehr dabei zustande als höchstens eben eine Fragestellung, eine schwere, bange Rätselfrage. Da sieht der Mensch dann entstehen und vergehen die Wesenheiten der äußeren Natur. Er kann ja das jedes Jahr betrachten, wie im Frühling die Erde ihm schenkt, aufgefordert von den Kräften der Sonne und des Kosmos, die Pflanzenwesen, die da grünen und sprießen und ihre Früchte tragen den Sommer hindurch. Gegen den Herbst zu, da sieht der Mensch weiter, wie diese Wesenheiten wieder vergehen. Einige bleiben zwar durch Jahre hindurch, zuweilen sogar recht, recht lange Jahre, wie zum Beispiel unsere lang andauernden Bäume. Aber auch von ihnen weiß der Mensch, daß, wenn sie ihn auch manchmal überdauern in ihrer Lebenszeit, sie doch vergehen, verschwinden, hinuntersinken in das, was in der großen Natur das Gebiet des Leblosen ausmacht. Insbesondere weiß er, wie, bis in die allergrößten Tatsachen des Naturgeschehens hinein, überall Entstehen und Vergehen herrscht, und selbst die Kontinente, die heute den Boden bilden, auf dem sich ausbreiten die Kulturentwickelungen, sie waren, wir wissen das, zu gewissen Zeiten nicht da. Sie haben sich erst im Laufe der Zeit erhoben, und wir wissen genau, daß sie auch wieder in Trümmer gehen werden.
Cite:
GA 155/1912-05-23/p004 · edition original