Erster Vortrag
Das aber, worauf es ankommt, ist, daß wir das Wesenhafte ins Auge fassen. Wir dürfen uns nicht beirren lassen in der Betrachtung über das Wesen jedes einzelnen Religionsbekenntnisses, und wenn wir so an die Weltanschauungen herangehen, dann finden wir einen Grundunterschied. Wir finden Weltanschauungen, die mehr orientalisierender Art sind, und solche, die mehr die Kultur des Abendlandes durchdrungen haben. Wenn wir uns nun dies besonders klarmachen, dann haben wir etwas, was uns große Aufschlüsse gibt über den Sinn des Daseins. Da finden wir, daß die Alten schon etwas hatten, was wir uns jetzt erst wieder mit Mühe erobern müssen, nämlich die Lehre von der Wiederkunft des Lebens. Die orientalisierenden Richtungen hatten das wie etwas, was aus den tiefsten Gründen des Lebens heraufstieg. Sie sehen noch, wie diese orientalisierenden Richtungen ihr ganzes Leben von diesem Gesichtspunkte aus gestalten, wenn Sie das Verhältnis des orientalischen Menschen zu seinen Bodhisattvas und seinen Buddhas ins Auge fassen. Wenn Sie ins Auge fassen, wie es dem Orientalen weniger darauf ankommt, eine einzige Gestalt herauszunehmen mit diesem oder jenem bestimmten Namen als die regierende Macht der Menschheitsentwickelung, so sehen Sie zugleich, wieviel mehr es ihm darauf ankommt, die durch die verschiedenen Leben hindurchgehende Individualität zu verfolgen.
Cite:
GA 155/1912-05-23/p023 · edition original