Erster Vortrag
Und noch eine andere Tatsache möchte ich vor Ihre Seele hinstellen, und das ist diese: Wenn wir heute mit der Geisteswissenschaft als Instrument das Christentum begreifen wollen und begreifen sollen — es wurde von mir schon früher ausgeführt, wie wir ins Auge fassen das Christentum als einen Impuls, der wirkt für die Zukunft —, dann brauchen wir gewisse Grundbegriffe, durch die wir wissen, wie der Christus-Impuls weiterwirken wird. Das brauchen wir. Nun ist es merkwürdig, daß wir vor der Tatsache hier stehen, daß wir auf ein Werden des Christentums hinweisen müssen; aber wir brauchen dazu die Geisteswissenschaft. Nun gibt es auch eine Persönlichkeit, bei der wir die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten in einer eigenartigen Form finden, und zwar in kurzen Sätzen dargestellt. Wenn wir herangehen an diese Persönlichkeit, so sehen wir, daß wir bei ihr manches finden können, was bedeutsam ist für die Geisteswissenschaft. Diese Persönlichkeit ist der deutsche Dichter Novalis., Wenn wir seine Schriften durchsehen, so finden wir, daß er die Zukunft des Christentums aus dessen okkulten Wahrheiten heraus schildert. Die Geisteswissenschaft lehrt uns, daß wir es dabei mit derselben Individualität zu tun haben wie bei Raffael, derselben Individualität wie bei Johannes dem Täufer und Elias.
Cite:
GA 155/1912-05-23/p044 · edition original