{"corpus":"steiner","locus":"GA 155/1912-05-28/p006","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Eines berücksichtigt man nicht, wenn man aus der ganz richtigen, oben angeführten Tatsache die Behauptung herleitet, daß es für die Menschen genügte zu wissen, daß sie einander lieben sollen. Eines berücksichtigt man dabei nicht, nämlich den Umstand, daß derjenige, der so als ein Zeuge angeführt wird für diese Worte, diese eben am Ende eines reichen Weisheitslebens gesprochen hat, am Ende eines Lebens, welches in sich faßte die Niederschrift des tiefsten, bedeutungsvollsten Evangeliums, und daß der, der sie gesprochen hat, diese Worte, erst dann sich das Recht gab sie zu sprechen, nachdem er dieses reiche Weisheitsleben, das zu so großen und gewaltigen Ergebnissen geführt hat, hinter sich hatte. Ja, wer ein Leben wie er hinter sich hat, der darf alles dasjenige, was Menschenseelen fühlen können bei den tiefen Weisheiten, die im Johannes-Evangelium stehen, zusammenfassen in die eben angeführten Worte als seiner Weisheit letzten Schluß, der aus unergründlichen Seelentiefen hineinfließt in die Tiefen auch anderer Herzen und anderer Seelen. Wer aber nicht in einer solchen Lage ist, der muß sich eben das Recht, in so einfacher Weise die höchsten sittlichen Wahrheiten auszusprechen, erst dadurch holen, daß er sich in die Gründe der Weltgeheimnisse vertieft. So trivial der viel wiederholte Satz ist: Wenn zwei dasselbe sagen, so ist es doch nicht dasselbe, er gilt in ganz besonderem Maße für das eben Angeführte. Wenn irgend jemand, der einfach ablehnen will, etwas über die Weltgeheimnisse zu wissen und von ihnen zu verstehen, sagt: Es ist doch so einfach, das höchste moralische Leben zu charakterisieren, und die Worte gebraucht: Kinder, liebet einander, so ist das eben etwas anderes, als wenn der Evangelist Johannes diese Worte sagt, und noch dazu am Ende eines so reichen Weisheitslebens. Deshalb sollte gerade derjenige, der diese Worte des Evangelisten Johannes versteht, einen ganz anderen Schluß daraus ziehen, als gewöhnlich daraus gezogen wird. Er sollte den Schluß daraus ziehen, daß man zunächst über solch tief bedeutsame Worte zu schweigen hat, und daß man sie erst aussprechen darf, wenn man die nötige Vorbereitung, die nötige Reife dazu sich erworben hat.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Erster Vortrag","site_heading":null,"date":"1912-05-28","location":null,"word_count":337,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/155/1912-05-28/p006","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/155/1912-05-28/p006"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/155/1912-05-28/p006","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"also_served_as":{"lectures":["1912-05-28_02"],"note":"The identical text is also served under the loci listed here. They are the SAME witness under different ids, not independent attestations: do not cite two of them as corroborating each other."}}