Erster Vortrag

GA 155/1912-05-28/p008 ·1912-05-28 · original (original)
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Die Antwort auf das, was hiermit charakterisiert worden ist, geben uns reichlich die Tatsachen des Lebens. Sie brauchen nur zwei Tatsachen des Lebens zusammenzustellen, die Ihnen zweifellos recht gut in der einen oder anderen Form bekannt sind, und Sie werden gleich sehen, daß sowohl das eine richtig sein kann, daß wir zu den höchsten moralischen Prinzipien und ihrem Verständnis erst beim Abschluß des Weisheitsstrebens gelangen, wie auch das andere, daß die Sachen, die eben angedeutet worden sind, moralische und soziale Gemeinschaften und Werke, ohne Moral nicht bestehen können. Sie werden das gleich einsehen, wenn Sie sich zwei Tatsachen vor die Seele rücken, die Ihnen in der einen oder anderen Form ganz gewiß bekannt sind. Oder wer hätte nicht schon gesehen, wie ein intellektuell hoch entwickelter Mensch, vielleicht sogar ein solcher, der nicht bloß äußere Wissenschaftlichkeit mit einem klugen und intellektuellen Erfassen in sich aufgenommen hat, sondern der auch theoretisch und praktisch viel von okkulten und von spirituellen Wahrheiten begriffen hat, gar kein besonders moralischer Mensch ist. Wer hätte nicht schon gesehen, daß kluge, geistig hoch entwickelte Menschen auf moralische Abwege gekommen sind? Und wer hätte die andere Tatsache nicht erlebt, an der wir so unendlich viel lernen können, daß er zum Beispiel eine Kinderfrau kennengelernt hat mit eng begrenztem Horizonte, mit geringer Intellektualitäit und wenigen Erkenntnissen, die nicht etwa ihre eigenen Kinder, sondern, in fremden Diensten stehend, anderer Leute Kinder, eines nach dem anderen, erzog von den ersten Wochen des physischen Daseins an, mitgewirkt hat an deren Erziehung und bis vielleicht zu ihrem Tode alles, was sie hatte, für diese Kinder geopfert hat in einer absolut liebevollen Weise, in der selbstlosesten Hingabe, die sich nur denken läßt. Und wäre irgend jemand an die Frau herangekommen mit moralischen Prinzipien, gewonnen an den allerhöchsten Weisheitsschätzen, wahrscheinlich hätte sie sich gar nicht besonders für diese moralischen Prinzipien interessiert. Wahrscheinlich würde sie sie höchst unverständlich und nutzlos gefunden haben. Aber, was sie moralisch gewirkt hat, das bewirkt mehr als eine bloße Anerkennung, das bewirkt oft in einem solchen Falle, daß wir uns in Ehrfurcht beugen vor dem, was aus dem Herzen ins Leben strömt und unendlich viel Gutes schafft.

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