Erster Vortrag
Mit Prinzipien, mit theoretischen Moralgrundsätzen hätte man der europäischen Bevölkerung der Urzeiten nicht dienen können, denn sie hätte wenig Verständnis dafür bewiesen. Einem Menschen der europäischen Urzeit moralische Predigten zu halten, das wäre so gewesen, wie wenn man einem Menschen, der das Rechnen nicht liebt, den Rat geben wollte, er solle mit aller Präzision aufschreiben seine Einnahmen und Ausgaben. Wenn er das nicht liebt, dann bedarf es nur des einzigen Umstandes, daß er das Aufschreiben nicht nötig hat, daß er also genug besitzt, um ausgeben zu können. Dann kann er das sorgfältige Rechnungführen vermeiden, wenn er einen unerschöpflichen Quell hat. Es ist ein nicht unerheblicher Umstand, er gilt theoretisch durchaus mit Beziehung auf das, was der Mensch für das Leben wert hält, mit Beziehung auf die persönliche Tüchtigkeit, auf das persönliche Eintreten. Für die Einrichtung der Welt gilt das von den moralischen Gefühlen der alten europäischen Bevölkerungen. Jeder hatte sozusagen sein göttliches Erbstück mitbekommen, fühlte sich voll davon und gab aus, gab aus im Dienste des Stammes, im Dienste der Familie, im Dienste auch größerer Volkszusammenhänge. So wurde gewirkt, so wurde gewirtschaftet, so wurde gearbeitet.
Cite:
GA 155/1912-05-28/p022 · edition original