Erster Vortrag

GA 155/1912-05-28/p029 ·1912-05-28 · original (original)
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Es gab einen Dichter, der gelebt hat Ende des zwölften und Anfang des dreizehnten Jahrhunderts. Er starb im Jahre 1213 und heißt Hartmann von Aue. Dieser Dichter hat ganz aus der Denkweise und den Tatsachen der damaligen Zeit heraus seine bedeutendste Dichtung geschaffen, und zwar aus der Anschauung heraus, die dazumal im Volke überall gelebt hat: die Dichtung «Der arme Heinrich». Diese Dichtung drückt im eminentesten Sinne aus, wie man in gewissen Kreisen und Volksgebieten dazumal über gewisse moralische Impulse dachte. In dieser Dichtung ist folgendes enthalten: Da lebte der arme Heinrich als ein reicher Ritter, denn ursprünglich war er kein armer Heinrich, sondern ein wohlbestallter Rittersmann, der aber außer acht ließ, daß die sinnenfälligen Dinge des physischen Planes hinfällig, vergänglich sind, der also in den Tag hineinlebte und dadurch sich so schnell als möglich schlimmes Karma schaffte. Daher wird er befallen von dem, was man damals nannte die Miselsucht, eine Art Aussatz, und da er zu den berühmtesten Ärzten der ganzen damaligen Welt geht und keiner ihm helfen kann, so gibt er sein Leben verloren und verkauft seine Güter. Unter die Menschen konnte er mit seiner Krankheit nicht gehen. Er lebte daher abseits von ihnen einsam auf einem Meierhofe, treu gepflegt von einem alten ergebenen Diener, der den Wirtschaftshof führte, und dessen Tochter. Eines Tages wird der Tochter und überhaupt der Familie des ganzen Wirtschaftshofes die Kunde zuteil, daß nur eines helfen kann dem Ritter, der dieses Schicksal hat. Kein Arzt, keine Arznei kann ihm helfen, nur wenn eine reine Jungfrau in Liebe ihr Leben für ihn opfert, sollte eine Gesundung wieder möglich sein. Trotz aller Ermahnungen der Eltern und des Ritters Heinrich selber kommt etwas über die Tochter, das sie glauben macht, daß sie es wäre, die sich opfern müsse. Da begibt sich die Tochter nach Salerno, der berühmtesten medizinischen Schule der damaligen Zeit. Nicht schreckt sie zurück vor dem, was die Ärzte von ihr verlangen. Sie ist bereit, ihr Leben zu opfern. Der Ritter läßt es aber nicht so weit kommen, er verhindert es und zieht mit ihr nach Hause. Aber die Dichtung erzählt uns, daß der Ritter, als er nach Hause kam, wirklich nach und nach gesund zu werden begann und daß er dann mit derjenigen, die seine Erlöserin hat werden wollen, noch lange Zeit lebte und einen glücklichen Lebensabend hatte.

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Cite: GA 155/1912-05-28/p029 · edition original