Zweiter Vortrag
Begreifen kann man dies nur, wenn man in die Geheimnisse des Daseins einen Blick wirft, denn das Dasein, die Entwickelung ist nur möglich durch Differenzierung, durch Gliederung. Und wenn zu jener Ausbildung von Weisheit, zu welcher es gekommen war in der Kaste der Brahminen, hätten alle Menschen kommen wollen, dann hätte gar keiner dazu kommen können. Man darf nämlich nicht sagen: Es widerspricht der göttlichen Weltenordnung, der göttlichen Weltenlenkung, daß nicht alle Menschen in gleicher Weise zur höchsten Weisheit gelangen, denn das würde nicht mehr Sinn haben, als wenn jemand fordern würde von der unendlich weisen und unendlich mächtigen Gottheit, daß sie ein Dreieck aus vier Ecken bilde. Keine Gottheit könnte ein Dreieck anders als aus drei Ecken machen. Das, was innerlich, was im Geiste geordnet und bestimmt ist, das muß eingehalten werden auch von der göttlichen Weltenregelung, und ein ebenso strenges Gesetz der Entwickelung, wie es das Gesetz für die Raumesgrenzen ist, nämlich, daß ein Dreieck nur drei Ecken haben kann, ist es, daß die Entwickelung durch Differenzierung geschehen muß, daß gewisse Gruppen von den Menschen abgesondert werden müssen, damit eine besondere Eigenschaft der menschlichen Entwickelung Platz greifen kann. Da müssen zunächst für eine gewisse Zeit die anderen Menschen ausgeschlossen sein. Das ist nicht nur ein Gesetz für die Entwickelung des Menschen im großen, sondern das ist ein Gesetz für die Entwickelung überhaupt. Betrachten Sie die menschliche Gestalt. Sie werden ohne weiteres sich gestehen, daß die vorzüglichsten, die am meisten schätzbaren Teile an der menschlichen Gestalt die Kopfknochen sind. Aber wodurch konnten die Kopfknochen nur Kopfknochen und die Umhüller des edlen Organes des Gehirns werden? Der Anlage nach kann jeder Knochen, den der Mensch an sich hat, Kopfknochen werden. Damit einige Knochen von dem gesamten Knochensystem diese Höhe der Entwickelung durchmachen können, Vorder- oder Hinterhaupthülle zu sein, mußten die Hüftknochen oder die Gelenkknochen zurückbleiben auf einer untergeordneten Stufe der Entwickelung, denn jeder Hüftknochen oder Gelenkknochen hat in sich die Anlage, geradeso Kopfknochen zu werden, wie diejenigen, die es geworden sind. So ist es überhaupt in der Welt: nur dadurch, daß das eine zurückbleibt, das andere vorrückt und sogar über einen gewissen Punkt der Entwickelung hinausrückt, ist eine Fortentwickelung möglich. So daß man sagen kann: Die Brahminen sind über einen gewissen mittleren Punkt der Entwickelung hinausgerückt, die niedersten Kasten dagegen sind dahinter wieder zurückgeblieben.
Cite:
GA 155/1912-05-29/p008 · edition original