Zweiter Vortrag
Nehmen wir an, wir hätten einen Verbrecher vor uns, einen Menschen, den wir im eminentesten Sinne unmoralisch nennen, so dürfen wir durchaus nicht glauben, daß in diesem unmoralischen Menschen keine moralischen Impulse sind. Die sind in ihm, und wir werden sie finden, wenn wir ihm auf den Grund seiner Seele gehen. Es gibt keine Menschenseele — mit Ausnahme von Schwarzmagiern, die uns hier nichts angehen —, in welcher nicht die Grundlage des moralisch Guten wäre. Wenn ein Mensch schlecht ist, so ist er es dadurch, daß dasjenige, was als geistige Verirrung im Laufe der Zeit eingetreten ist, sich über das moralisch Gute darüberlagert. Nicht die menschliche Natur ist schlecht. Sie war ursprünglich wirklich gut, und gerade eine konkrete Betrachtung der Menschennatur zeigt uns, daß sie im tiefsten Wesen gut ist, und daß die geistigen Verirrungen es waren, die den Menschen von dem moralischen Pfade abgebracht haben. Daher müssen die moralischen Verirrungen im Laufe der Zeit bei den Menschen wieder gut gemacht werden. Die Verirrungen selber und auch ihre Wirkungen müssen wieder gut gemacht werden. Wo aber so starke Nachwirkungen des moralisch Bösen da sind, daß schon Krankheitsdämonen existieren, da müssen auch übermoralische Kräfte wirken, wie es diejenigen des Franz von Assisi gewesen sind.
Cite:
GA 155/1912-05-29/p033 · edition original