{"corpus":"steiner","locus":"GA 155/1912-05-29/p038","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Interessant ist es, einmal zu sehen, wie sehr das, was jetzt gesagt worden ist, auch dem äußeren historischen Verlaufe der Menschheitsentwickelung entspricht. Gehen wir ein paar Jahrhunderte zurück in die vorchristliche Zeit. Da finden wir bei demjenigen Volke, das vorzugsweise den Namen gegeben hat dem vierten nachatlantischen Zeitraume, also bei den Griechen, den Philosophen Plato. Plato hat unter anderen Dingen geschrieben auch über die Moral, über die Tugend des Menschen, und er hat so über die Tugend geschrieben, daß wir darin erkennen können, daß er zwar mit den höchsten Dingen, den eigentlichen Geheimnissen zurückgehalten hat, daß er aber das, was er hat sagen dürfen, seinem Sokrates in den Mund gelegt hat. Da schildert nun Plato, also für eine Zeit der europäischen Entwickelung, in welcher der Christus-Impuls noch nicht gewirkt hatte, die höchsten Tugenden, die er anerkannte, die Tugenden, die der Grieche als diejenigen angesehen hat, die der moralische Mensch vor allen Dingen haben soll. Nun schildert Plato zunächst vorzugsweise drei Tugenden. Eine vierte werden wir noch kennen lernen. Drei Tugenden schildert Plato. Die erste ist die der Weisheit. Weisheit als solche sieht Plato als Tugend an. Wir haben sie in der verschiedensten Weise gerechtfertigt als dem moralischen Leben zugrunde liegend. In Indien lag zugrunde dem Menschenleben die Weisheit der Brahminen. In Europa trat sie zwar zurück, aber sie lebte in den nordischen Mysterien, wo die europäischen Brahminen das wieder gut zu machen hatten, was durch jenen Verrat in der alten atlantischen Zeit schlecht gemacht worden war. Weisheit steht, wie wir morgen sehen werden, hinter aller Moralität. Und als Tugend schildert Plato, seinen Mysterien entsprechend, auch den Starkmut, also dasjenige, was uns überhaupt bei der europäischen Bevölkerung entgegentritt. Als dritte der Tugenden bezeichnet er die Besonnenheit oder die Mäßigkeit, das heißt den Gegensatz des leidenschaftlichen Pflegens der niederen menschlichen Triebe. Das sind die drei Haupttugenden Platons: Weisheit, Starkmut oder Tapferkeit, und Mäßigkeit oder Besonnenheit — das ist die Zügelung der sinnlichen Triebe, die im Menschen wirken. Dann schildert Plato als vierte der Tugenden den harmonischen Ausgleich der drei genannten Tugenden, was er die Gerechtigkeit nennt.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zweiter Vortrag","site_heading":null,"date":"1912-05-29","location":null,"word_count":344,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/155/1912-05-29/p038","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/155/1912-05-29/p038"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/155/1912-05-29/p038","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"also_served_as":{"lectures":["1912-05-29_02"],"note":"The identical text is also served under the loci listed here. They are the SAME witness under different ids, not independent attestations: do not cite two of them as corroborating each other."}}