Dritter Vortrag
Sehen Sie, da haben Sie alles, was Sie in die Möglichkeit versetzt, die Freiheit des Willens und die Bedeutung der Vernunft und Weisheit im menschlichen Handeln zu verstehen. Wenn es dem Menschen angemessen wäre, ewige Moralprinzipien einzuhalten, dann brauchte er diese Moralprinzipien sich nur anzueignen und er könnte gleichsam mit gebundener Marschroute durch das Leben gehen. So ist das Leben aber niemals. Die Freiheit des Lebens besteht vielmehr darinnen, daß der Mensch immer die Möglichkeit hat, nach zwei Seiten abzuirren. Dadurch ist dann auch die Möglichkeit des Schlechten, die Möglichkeit des Bösen gegeben. Denn was ist denn das Böse? Das Böse ist dasjenige, was entsteht, wenn der Mensch sich entweder an die Welt verliert oder wenn die Welt den Menschen verliert. In der Vermeidung von beiden besteht dasjenige, was wir das Gute nennen können. Dadurch ist das Böse im Laufe der Evolution, indem der Mensch von Inkarnation zu Inkarnation ging, möglich geworden, daß die Menschen einmal nach der einen Seite, einmal nach der anderen Seite abirrten, und weil sie nicht immer das Gleichgewicht fanden, genötigt waren, in einer zukünftigen Zeit karmisch den Ausgleich zu schaffen. Was eben nicht erreicht werden kann in einem Leben, weil man nicht immer die Mitte trifft, das wird erreicht im Laufe der Evolution, indem der Mensch einmal nach der einen Seite abirrt, dann aber gezwungen wird, im nächsten Leben vielleicht nach der anderen Seite wiederum auszuschlagen und so den Ausgleich zu schaffen.
Cite:
GA 155/1912-05-30/p010 · edition original