Erster Vortrag
Und nun wenden wir den Blick von den Juden hinweg zu den Heiden. Haben die Heiden den Christus gehabt? Ist es christlich, davon zu sprechen, daß etwa auch die Heiden den Christus gehabt haben? Die Heiden hatten ihre Mysterien. Die in den Mysterien Eingeweihten wurden dahin gebracht, daß ihre Seele aus ihrem Leibe heraustrat, daß das Band, durch welches Leib und Seele verknüpft sind, gelöst wurde. Und wenn die Seele außerhalb des Leibes war, dann vernahm die Seele in der geistigen Welt die Geheimnisse des Daseins. Vieles war mit diesen Mysterien verbunden, mancherlei Kenntnisse stiegen den Einzuweihenden in den Mysterien auf. Wenn man aber prüft, was das Höchste war, das der Mysterienschüler in sich aufnehmen konnte, so war es das, daß er außerhalb seines Leibes hingestellt wurde vor den Christus. Wie Moses hingestellt worden ist vor den Christus, so wurde der Mysterienschüler in den Mysterien mit seiner Seele außerhalb des Leibes hingestellt vor den Christus. Der Christus war auch da für die Heiden, aber er war für sie nur da in den Mysterien; er enthüllte sich ihnen nur, wenn die Seele außerhalb des Leibes war. Und wenn auch die Heiden ebensowenig wie die Juden, bei denen auch der Christus war, die Wesenheit, von der jetzt eben gesprochen worden ist, die Wesenheit, vor welche die Mysterienschüler hingestellt worden sind, als den Christus erkannt haben, der Christus war für die Heiden da! Man könnte sagen: Für die Heiden waren Mysterien eingerichtet. In die Mysterien wurden diejenigen aufgenommen, die bereit und reif waren. Durch diese Mysterien wirkte der Christus auf die heidnische Welt. Warum wirkte er so? Er wirkte so, weil ja die Seele der Menschen in ihrer Entwickelung seit dem Erdenanbeginn in sich die eigene Kraft verloren hatte, durch sich ihre wahre Wesenheit zu finden. Es mußte diese wahre Wesenheit sich der Menschenseele enthüllen, wenn sie nicht in den Banden der Menschheit, das heißt, wenn sie nicht mit dem Leibe verbunden war. Da mußte der Christus die Menschen dadurch führen, daß der Mensch gleichsam seiner Menschlichkeit entkleidet wurde als Eingeweihter in den Mysterien. Der Christus war auch für die Heiden da. Er führte sie in den Einrichtungen der Mysterien. Aber niemals war es so, daß der Mensch hätte sagen können: Wenn ich meine eigenen Kräfte entfalte, dann finde ich der Erde Sinn. Dieser Sinn war verloren, war verfinstert. Die Kräfte der Menschenseele waren in zu tiefe Regionen hinuntergedrängt worden, als daß die Seele durch ihre eigenen Kräfte sich den Sinn der Erde hätte geben können.
Cite:
GA 155/1914-07-12/p030 · edition original