Erster Vortrag
Die Vorwürfe, die Gegnerschaften gegenüber unserer geisteswissenschaftlichen Lehre, sie werden immer stärker und stärker. Mit viel Wahrheit kämpfen allerdings diese Gegnerschaften nicht, aber diese Gegnerschaften sind immerhin da. Überlegen wir uns einmal ein Wort, das Sie in den letzten T’agen auch hier haben lesen können, das von anderer Seite gesprochen worden ist und das hier wiederholt worden ist, überlegen wir uns dieses Wort am Schlusse dieser Betrachtungen, die uns wiederum von einer anderen Seite her gezeigt haben, wie eine kosmische Wesenheit im Christus eine irdische Wesenheit wird — ich meine das Wort, das da gesprochen worden ist, als ob es irgend etwas Unchristliches hätte, von dem Christus als von einer kosmischen Wesenheit zu sprechen. Ja, sogar so ist das Wort gesprochen worden, daß gesagt worden sein soll: «Diese theosophische oder anthroposophische Lehre, die sieht gar nicht, wie es unchristlich ist, von einem kosmischen Prinzip, von einer kosmischen Wesenheit zu sprechen, während gerade dasjenige die Menschen gewonnen hat, was die Evangelien in ihren Einzelheiten über das Menschliche des Jesus erzählen.» Menschen, die so etwas sagen, sie dünken sich recht christlich. Aber viele, die sich christlich dünken, bemerken gar nicht, daß sie mit ihrer Christlichkeit alle Augenblicke der wahren Christlichkeit ins Gesicht schlagen. Unchristlich soll es sein, von Christus als einer Wesenheit zu sprechen, die eine kosmische Wesenheit ist, das heißt die nicht für die Erde bloß, sondern für den Kosmos Bedeutung hat! Das wurde gesagt von einer Seite, die das Christentum verteidigen will gegenüber der Geistesforschung. Gesagt wurde: «Der Christus, so wie er uns entgegentritt, ohne daß wir auf das Kosmische Rücksicht nehmen, der wird in Menschenseelen leben, solange die Erde steht.» Ich glaube nicht, daß viele Leute merken, wie sonderbar unevangelisch die Zunge redet gerade mit solch einem Wort. Man wird vielleicht zuweilen merken: Da spricht Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft — nun ja, man kann das verstehen. Das ist eben so, daß da vom «christlichen Standpunkt» aus gesprochen wird. — Dieser christliche Standpunkt aber, ist er ein wirklich christlicher Standpunkt? Er verketzert uns — denn Verketzerung darf das schon genannt werden —, er nimmt das als sein Privilegium in Anspruch; er verketzert uns. Er findet unser Christentum oder, besser gesagt, unsere Anthroposophie als Christentum bedenklich. In ihm lebt nicht nur in seinem Begriff das wirkliche Christentum nicht mehr, sondern auch in seinen Seelenlebensgewohnheiten lebt nicht das richtige Christentum. Denn die Seele, die richtig christlich ist, sie wird niemals sagen: Solange die Erde steht, wird der Christus, der da gemeint ist, in den Herzen der Menschen leben. — Warum nicht? Weil ein Christ, der das sagt, einfach vergessen hat die Worte der Evangelien: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» (Matthäus 24, 35) Damit aber ist auch der Christus als kosmische Wesenheit hingestellt. Und derjenige, der wahr macht ein Wort, wie «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen», der spricht christlich. Derjenige aber, dem im Augenblick gleich die Zunge ausgleitet, wenn er sein Christentum gegen die Anthroposophie richten will, der sündigt gegen das Wort «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen», indem er sagt: Wir wollen einen Christus, der da wirkt, solange die Erde steht; — der versteht nichts von dem wahren Christentum, das nicht bloß in den Büchern, sondern auch in den Sternen steht.
Cite:
GA 155/1914-07-12/p048 · edition original