Dritter Vortrag
Der Christus zeigt an einer Stelle so wunderbar, daß es uns tief, tief ins Herz hineinschneidet, wie er zu dieser Frage steht. Denjenigen, die verdammend vor ihn mit der Ehebrecherin kommen — wir malen uns hin in der Seele diese Szene, wie sie vor ihn die Ehebrecherin bringen (Johannes 8, 1-11) -, mit zweierlei tritt ihnen der Christus entgegen: mit dem einen, daß er in die Erde hineinschreibt, mit dem anderen, daß er vergibt, daß er überhaupt nicht urteilt, nicht verdammt. Warum schreibt er in die Erde hinein? Weil das Karma wirkt, weil das Karma die objektive Gerechtigkeit ist. Für die Ehebrecherin kann ihre Tat nicht ausgelöscht werden, Christus schreibt sie in die Erde hinein. Anders ist es aber mit der geistigen, mit der nicht-irdischen Folge; die nimmt der Christus auf sich. «Er vergibt» heißt nicht, daß er sie austilgt im absoluten Sinn, sondern daß er auf sich nimmt die Folgen desjenigen, was objektiv getan ist.
Cite:
GA 155/1914-07-15/p030 · edition original