Dritter Vortrag
Meine lieben Freunde! Man muß wahrhaftig eigentlich recht wenig christlichen Sinn haben, wenn man das Christentum so interpretiert, wie es viele machen, die da glauben, sich echte Christen nennen zu dürfen, und die andere, zum Beispiel anthroposophische Christen, verketzern. Man muß dazu wenig christlichen Sinn haben. Es darf ja vielleicht die Frage erlaubt sein: Ist es denn wirklich christlich, zu denken, daß ich alles tun darf und der Christus eigentlich nur in die Welt gekommen ist, um mir das alles abzunehmen, um mir meine Sünde zu vergeben, so daß ich mit meinem Karma, mit meiner Sünde nichts mehr zu tun habe? Ich glaube, es ist ein anderes Wort anwendbar auf eine solche Denkweise als das Wort «christlich»; vielleicht wäre das Wort «bequem» besser als das Wort «christlich». Bequem wäre es ja allerdings, wenn man bloß zu bereuen hätte, und ausgelöscht wäre dadurch für sein ganzes späteres Karma alles das, was man in der Welt verbrochen hat. Nein, aus dem Karma ist es nicht ausgelöscht, aber davon kann es ausgelöscht werden, wohin wir wegen der menschlichen Schwäche, durch die luziferische Verführung, nicht selbst dringen können: von der Erdenentwickelung. Und das tut der Christus. Dieses Leid wird uns genommen mit der Sündenerlösung: daß wir für ewige Zeiten der ganzen Erdenentwickelung eine objektive Schuld zugefügt haben. Dafür müssen wir natürlich ein ernstes Interesse haben. Dann aber, wenn wir die Sache so auffassen, dann wird sich wahrhaftig auch in vielen anderen Dingen ein kräftiger Ernst verbinden mit einer echten, wahren Christus-Auffassung. Ein tiefer Ernst wird sich mit ihr verbinden, und manches wird abfallen von mancher Christus-Auffassung, das demjenigen, der den ganzen Ernst der Christus-Auffassung in seine Seele nimmt, geradezu als eine Art Frivolität und Zynismus erscheinen könnte. Denn alles, alles, was heute gesprochen worden ist und was Punkt für Punkt gerade mit wichtigsten Stellen aus dem Neuen Testament belegt werden kann, das spricht uns ja dafür: Alles das, was uns der Christus ist, ist er uns dadurch, daß er nicht ein Wesen ist wie andere Menschen, sondern ein Wesen, das von oben, das heißt aus dem Kosmos, bei der Johannestaufe im Jordan in die menschliche Erdenentwickelung eingeflossen ist. Alles spricht für die kosmische Natur des Christus, Und wer im tiefen Sinne auffaßt, wie der Christus sich stellt zu Sünde und Schuld, der möchte so sagen: Es mußte, eben weil der Mensch im Laufe des Erdendaseins seine Schuld nicht tilgen konnte für die ganze Erde, ein kosmisches Wesen heruntersteigen, daß es doch möglich gemacht werde, daß die Erdenschuld getilgt werde.
Cite:
GA 155/1914-07-15/p033 · edition original