Dritter Vortrag
Einer derjenigen Begriffe, die uns aufstoßen müssen, wenn die Rede ist von den Beziehungen des Christus zur menschlichen Seele, ist zweifellos der Begriff von Schuld und Sünde. Wir wissen ja, welch einschneidende Bedeutung die Begriffe von Schuld und Sünde haben etwa im Christentum des Paulus. Wir müssen allerdings sagen, unser gegenwärtiges Zeitalter ist wenig geneigt, ein wirklich tiefes inneres Verständnis zu haben für den weiteren Zusammenhang auch, der uns bei Paulus entgegentritt zwischen den Begriffen Schuld und Sünde und Tod und Unsterblichkeit. Aber das liegt im Materialismus unserer Zeit begründet. Wir brauchen uns nur an die Worte zu erinnern, die ich in der ersten Betrachtung, die ich hier anstellte, gesagt habe: daß ja eine Unsterblichkeit der Menschenseele ohne die Fortsetzung des Bewußtseins hinaus in die Zustände nach dem Tode keine wahre Unsterblichkeit bedeuten würde. Eine Beendigung des Bewußtseins mit dem Tode würde gleichbedeutend sein mit der Tatsache, die man dann annehmen müßte: daß eben der Mensch eigentlich nicht unsterblich sei. Denn des Menschen Wesenheit unbewußt fortbestehend nach dem Tode würde bedeuten, daß das Allerwichtigste, das, was den Menschen zum Menschen macht, nach dem Tode nicht bestehen würde. Und eine unbewußte Menschenseele, die den Tod überdauern würde, würde ja sozusagen nicht viel mehr bedeuten als die Summe von Atomen, welche auch der Materialismus annimmt, die bleiben sollen, auch wenn der menschliche Leib zerstört wird.
Cite:
GA 155/1914-07-15_02/p003 · edition original