Erster Vortrag
Das, was Geisteswissenschaft als ein wirkliches echtes Gut enthält, ist im Grunde genommen durch okkultes Lesen und okkultes Hören gewonnen worden. Und man hört also etwas über die Methoden, durch welche der Geistesforscher zu seinen Ergebnissen kommt, wenn er über das Wesen des okkulten Lesens und des okkulten Hörens spricht. Über die Art und Weise, wie geisteswissenschaftliche Resultate gewonnen werden, herrscht wahrhaftig in unserer Zeit noch das Absurdeste an Meinungen, das man sich denken kann. Ich will einleitungsweise, bevor ich zu meinem wichtigen Gegenstand übergehe, auf eine Kleinigkeit hinweisen, eine Kleinigkeit im Verhältnis zu dem, was unsere Geistesströmung sein will. Irgendein Professor, ein Forscher der Gegenwart hat eine Rezension geschrieben über mein Buch «Theosophie». Diese Rezension ist schon vor einigen Jahren erschienen, und der Verfasser dieser Rezension ist offenbar am meisten geärgert gewesen durch das, was in diesem Buche steht über die Aura des Menschen, über Gedankenformen und dergleichen. Unter mancherlei, das ich jetzt nicht erwähnen will, findet sich in dieser Rezension auch eines, das ganz verständlich ist vom Gesichtspunkt eines Forschers, eines so echten Denkers der Gegenwart. Da wird gesagt: Wenn man glauben sollte, daß wirklich an diesen Dingen von der Aura und von den Gedankenformen etwas daran ist, so müßten einmal einige von denen, welche Auren und Gedankenformen sehen können, ein Experiment mit sich anstellen lassen. Es müßte das Experiment angestellt werden können, daß eine Anzahl von denjenigen, die behaupten wollen, so etwas zu sehen, gegenübergestellt werden einer Anzahl von Menschen, die gewisse Gedanken, Gefühle und Empfindungen in ihrem Innern haben; und dann solle man die Seher fragen: Was seht ihr an den Menschen, die da vor euch stehen oder sitzen? - Und wenn dann - so meint der Verfasser der Rezension - diese okkultistischen Seher das aussagen, wovon die Menschen, die beobachtet worden sind, später versichern, daß sie das wirklich gedacht und gefühlt haben, und wenn außerdem die Seher untereinander in ihren Angaben übereinstimmen, dann kann man ihnen glauben.
Cite:
GA 156/1914-10-03/p005 · edition original