Zeiten der Erwartung
Die meisten der hier versammelten Freunde wissen ja aus verschiedenen Zyklen und einzelnen Vorträgen, die in den allerletzten Monaten da und dort von mir gehalten worden sind, daß zu meinen bedeutsamsten okkulten Erlebnissen der letzten Zeit das Zusammensein mit Christian Morgenstern nach seinem Tode gehört. Und ich habe ja nicht zurückgehalten gerade mit demjenigen Erlebnis, welches in Zusammenhang mit Christian Morgenstern so bedeutungsvoll ist für den Segen, der unserer Bewegung aus den geistigen Welten erfließt: daß sich zu unserer Bewegung ein Dichter finden konnte, der mit dieser Bewegung seine Seele so innig verband, daß gewissermaßen zu den Elementen seines jetzigen Wesens in den geistigen Welten jenes kosmische Tableau gehört, welches - mit den Mitteln der geistigen Welt eben, und zugleich wie einen Bestandteil Christian Morgensterns - offenbart die Wahrheit desjenigen, was wir zu erkennen und zu lehren haben. Ja, meine lieben Freunde, das ist etwas außerordentlich Bedeutsames, das ist etwas, was in ungeheurer Weise Vertrauen einflößen kann zu der inneren Wahrheit, aber auch zu der inneren Triebkraft unserer Bewegung. Wir wissen, daß mit Christian Morgensterns eigener Wesenheit jetzt verbunden ist etwas wie das Zusammenströmen des spirituellen kosmischen Alls. So wie man in einem großen Tableau eines Malers, eines wirklichen Malers auf dem physischen Plane, vieles von den Geheimnissen der physischen Welt zusammengeströmt erschaut, so ist in der geistigen Welt weil da der Mensch nicht nur seine Fähigkeiten hinzugeben hat an das, was sie darbietet, sondern sein ganzes Wesen -, so ist das ganze Wesen Christian Morgenstern verbunden mit diesem, ich möchte sagen, kosmischen Gemälde, in dem er jetzt lebt. Und es gehört zu den erschütterndsten Erlebnissen, die man haben kann, wenn man sieht, daß er in der geistigen Welt jetzt erst mit seinem echten wahren Wesen lebt. Es gehört zu den erschütterndsten Erlebnissen, wenn man sieht, wie diese Menschenwesenheit in der physischen Welt hier in die mannigfaltigsten Hemmnisse eingeschlossen lebte, und wie sie nun - erahnbar, erlebbar für die, die diesen Menschen lieben - sich frei entfalten kann in der geistigen Welt. Es ist erschütternd, wie wir eine solche Wesenheit erst dann voll kennen lernen können, wenn wir sie erfassen in ihrer Bedeutung nach dem Tode.
Cite:
GA 156/1914-10-07/p004 · edition original