Zeiten der Erwartung
Ich mußte gerade im Verkehr mit Christian Morgenstern nach seinem Tode oft zweier Tatsachen gedenken. Die eine schließt sich an an einen der größten Repräsentanten des modernen Geisteslebens, an Goethe. Nun, wir kennen ja alle Goethe als den Dichter des «Faust», als einen der wahrsten Dichter aller Zeiten, weil er das, was er im «Faust» dargestellt hat, in der eigenen Seele durchkämpft und durchlitten hat. Sie wissen ja alle, daß der zweite Teil des «Faust» schließt mit dem Hinaufgehen des Faust in die geistigen Welten. Das hatte Goethe darzustellen, aber zu Goethes Zeiten war nicht die Möglichkeit vorhanden, die Bilder zu finden, die der Wahrheit, wie sie heute gesehen werden muß, entsprechen. Und es macht in gewisser Beziehung einen tragischen Eindruck, wenn wir ein Gespräch Goethes mit Eckermann lesen, in dem er von den Schwierigkeiten spricht, die er hatte, als er daran ging, den zweiten Teil des «Faust» zu vollenden, und dieses Hinaufgehen des Faust in die höheren Welten anschaulich zu machen. Da sagt er:
Cite:
GA 156/1914-10-07/p006 · edition original