Zeiten der Erwartung

GA 156/1914-10-07/p017 ·1914-10-07 · original (original)
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Meine lieben Freunde! Vielleicht haben Sie schon aus mancherlei, das hier und auch an anderen Orten auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft gesprochen worden ist - auch aus den einleitenden Worten über unseren lieben Freund Christian Morgenstern -, entnommen, daß mir etwas darauf ankommt, alle unsere Bestrebungen, also auch das, was an unsere Bestrebungen sich angliedert, als ein Ganzes, als etwas Einheitliches zu nehmen, und daß es mir namentlich darauf ankommt, daß dieses ganze, das der Menschheitsevolution wie ein Impuls zu einer neuen Geisteskultur einverleibt werden soll, sich wirklich anschließt an die Sehnsuchten, an die Hoffnungen, an die Erwartungen der Geisteskultur der unmittelbar verflossenen Zeit. Ich habe das ja insbesondere hier bei der Feier zum Gedenken der Grundsteinlegung unseres Baues zu betonen versucht. Man sollte also unsere Geisteswissenschaft und ihre Bestrebungen, neben anderem auch das, was als Bilder unseres Baues eben vor Ihren Augen abgerollt ist, und endlich das, was als Eurythmie sich einleben soll in unseren Kulturzusammenhang, betrachten als ein einheitliches Ganzes, aber auch als etwas, was nicht nur für sich ein Ganzes ist, sondern sich anschließt an etwas, das man erwartet hat. Und wenn ich vorhin versuchte, mit ein paar Worten eine Linie zu ziehen von Goethe bis zu Christian Morgenstern über Herman Grimm, so sollte dies nur ein zweifaches Beispiel dafür sein, wie auf der einen Seite in der Menschheitsentwickelung wirklich Veranlassung dazu gegeben ist, daß man in einem tieferen Optimismus an einen Fortgang der Menschheitsentwickelung glauben darf, auf der anderen Seite aber auch dafür, daß geistige Faktoren, geistige Impulse fortwährend in die Menschheitsentwickelung eingreifen. Ich habe versucht, vor ihre Seelen zu führen, wie Goethe am Schlusse seines «Faust» den Aufstieg Fausts in die geistigen Welten darstellen mußte mit alten christlich-katholischen Formen, und ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie in dem Dichter Christian Morgenstern jemand zu uns gefunden hat, der den Anfang damit gemacht hat, das geistige Leben, die übersinnlichen Welten, in neue Formen zu prägen, wie es für den Menschen der Gegenwart notwendig ist. Aus manchem der nachgelassenen Gedichte, aus manchen dieser Worte werden Sie wiederum vernommen haben, wie Dichtung sich vereinigen kann, innigst sich vereinigen kann mit dem, was das von uns gemeinte geistige Leben will: daß ein neues Verhältnis gefunden werde zwischen dem Leben des Menschen auf dem physischen Plane und seinem Angeknüpftsein an die geistigen Welten, und wie geistige Faktoren in die Fortentwickelung der Menschheit eingreifen. Ich versuchte es klar zu machen, indem ich auszusprechen wagte, was unter wahren Anthroposophen ausgesprochen werden darf: daß Herman Grimm, der genannt werden darf der akkreditierte Statthalter Goethes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gewissermaßen das, was er auf Erden im physischen Leibe nicht finden konnte, nun finden darf im Anblick dessen, was Christian Morgenstern schon jetzt in die geistigen Welten hinaufzutragen in der Lage war. Da sehen wir das Zusammenwirken des Geistigen mit dem physischen Menschheitsfortgang.

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Cite: GA 156/1914-10-07/p017 · edition original