Zeiten der Erwartung

GA 156/1914-10-07/p018 ·1914-10-07 · original (original)
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Und suchen wir denn nicht, meine lieben Freunde, mit alle dem, was in unserem Bau sich ausspricht, nach einer neuen Form der alten Schönheit? Denn Schönheit bedeutet noch viel mehr, als was man gewöhnlich mit dieser Idee, mit diesem Begriff verbindet. Man muß nur sich klarmachen, wie mannigfaltig geartet der Menschheitsfortschritt ist, wenn man gewahr werden will, was es zu bedeuten hat, daß in irgendeinem Zeitalter, wie das unsrige eines ist, neue Formen. der Schönheit, neue Formen der ganzen menschlichen Seelenstimmung hervortreten sollen. Es muß dazu kommen, daß aus den Impulsen der Geisteswissenschaft, wie wir sie meinen, etwas sich heraus entwickelt, was einen Fortschritt gegenüber dem Früheren bedeutet, was noch hinausgeht über das, was selbst Goethe im «Faust» wollen konnte. Wir müssen so etwas erhoffen. Konnte doch Goethe, als er die Sehnsucht empfand, sich in Schönheit zu vertiefen, nichts anderes machen, als nach Rom zu gehen, um die griechische Schönheit in der Seele nachzuerleben. Konnte doch im Grunde genommen das ganze 19. Jahrhundert nichts anderes tun, als nach Rom zu gehen, um die griechische Schönheit nachzuerleben. Aber das Zeitalter ist gekommen, wo man nicht bloß nach Rom gehen, nicht bloß in klassische griechische Schönheitsformen sich vertiefen, sondern wo man in geistige Welten hineingehen muß, um aus den geistigen Welten heraus neue Schönheitsformen zu finden. Und Wert muß darauf gelegt werden, daß das verflossene Zeitalter gewissermaßen dürstete nach solchem Herannahen einer Epoche geistigen Erlebens. Mehr als die Gegenwart es ahnt, drückt sich das gerade in einem solchen Geiste aus, wie es Herman Grimm war, dieser Statthalter des Goetheanismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nicht um über Herman Grimm etwas zu sagen, sondern um an seinem Beispiel zu zeigen, was von dem Geistesleben unserer Gegenwart erwartet wird, möchte ich dieses Glied, Herman Grimm, einfügen in die Entwickelung der Menschheit, wie sie sich vollzogen hat von Goethe bis zu uns herüber, die wir uns betrachten dürfen als wirklich in dem drinnen lebend und strebend, was im Grunde genommen auch Goethe im Innersten seines Herzens, im Innersten seiner Seele wollte. Mannigfaltig und nur tieferer Betrachtung zugänglich ist die Art, wie das Geistesleben in der Evolution der Menschheit fortschreitet.

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Cite: GA 156/1914-10-07/p018 · edition original