Zeiten der Erwartung
Ich traf einmal mit Herman Grimm anläßlich seines Besuches im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar zusammen. Da sprach er davon, wie er sich die Evolution der Menschheit vorstellte, daß ihm Geschichte nicht eine Aufzählung dessen sei, was gewöhnlich als Geschichte aufgezeichnet ist; ihm sei Geschichte eine Evolution geistiger Kräfte. Aber er konnte sich nur dazu erheben, sie eine Geschichte der Phantasiearbeit der Menschen zu nennen. Daß es Imaginationen in der Menschheitsentwickelung gibt, die unbewußt in die Menschheit einfließen und sich umsetzen in menschliche Tätigkeit, daß es Inspirationen und Intuitionen in der Geschichte gibt, das konnte ihm nicht aufgehen. «Phantasiearbeit der Völker» war ihm das. Er konnte nicht dazu kommen, das rein Äußerliche, Tatsächliche der Maja, das er «Phantasiearbeit der Völker» nannte, abzulösen durch dasjenige, was sich im menschlichen Geiste darbieten muß, wenn er den Aufstieg aus der physischen Welt in die geistige finden will. Man wird wirklich erst später verstehen, was es für das 19. Jahrhundert bedeutete, wenn Herman Grimm sagte: Was kann uns das, wie die Geschichte Julius Cäsar wiedergegeben hat, besonders interessieren? Julius Cäsar - meint Herman Grimm - interessiert mich viel mehr, wie er von Shakespeare dargestellt ist. Das ist wahrer, historischer als alles, was in der Geschichtsschreibung dargestellt ist. - Immer wieder verwies er darauf, wie gern er Tacitus liest, aus dem Grunde, weil dieser ein Mensch war, der aus der Seele heraus lebendig zu machen und ins Geistige zu verwandeln wußte, was er zu schildern hatte. Aus solchen Vorstellungen heraus entstand dann ein so wunderbarer Gedanke wie der, den Herman Grimm in den neunziger Jahren niedergeschrieben hat, und der in seinem Homer-Buche steht, ein Gedanke, der wirklich so recht wie eine Erwartung dessen dasteht, was als Kunde von den Hierarchien kommen soll: «Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen, sie als ein Unglück erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen.»
Cite:
GA 156/1914-10-07/p021 · edition original