Zeiten der Erwartung
In wunderbarer Weise sieht man gerade in Herman Grimm diese Tendenz der Menschheit nach dem Geistigen hin, dieses Herausbilden eines Organs für das Verständnis des Geistigen. Und ich muß immer wieder und wiederum, gerade wenn ich den Kulturwert unserer Eurythmie bedenke - ja, vielleicht darf ich so sagen -, an den äußeren Gestus im Leben Herman Grimms denken. Ich muß immer wieder schauen, wie bei Herman Grimm im äußeren Gestus alles eins war, und nicht jene Disharmonie vorhanden war, die ja insbesondere innerhalb des materialistischen Lebens auftritt, wo man so gar nicht sieht, wo das Geistige in das Körperliche übergeht. Es ist um aus der Haut zu fahren, wenn man all die modernen Sportgeschichten wie zum Beispiel Fußball und so weiter sieht, wie sie den Menschen mechanisieren und ihm nichts von dem einfügen, was in ihm geistig ist, so sehr man sich das auch einbildet. Alles, was man da anstrebt, ist ja ein Hohn auf das Geistige, so gut es auch gemeint ist. Demgegenüber erscheint eine Gestalt wie Herman Grimm, bei dem alles Äußere im Einklang ist mit dem Seelischen, als etwas Einheitliches: die Art, wie er gegangen ist, selbst, daß er immer einen Zylinder trug, gehört zum Ganzen seiner Persönlichkeit, die Art, wie er die Hände bewegt hat, die Art, wie er gesprochen hat, die Art, wie er sich in Bozen aufgehalten hat, wenn er an seinem Homer-Buche schrieb, wie er an dem Homer-Buche nur schreiben konnte, wenn er in Bozen den Frühling erwartete. Es stimmt alles so schön zusammen; wie er am Homer-Buche schreibt, wie er bei abnehmendem Tage hinausgeht und in Bozen in den Anlagen die wunderbare Statue Walthers von der Vogelweide anschaut, wie er sie bis in den Gestus hinein zu schildern weiß, wie er zu schildern weiß den wunderbaren Marmor, der aus den Steinbrüchen in der Nähe von Bozen kommt, und wie er anzugliedern weiß alles, was er schafft, alles, was er tut, an das Geistesleben, in dem er drinnensteht.
Cite:
GA 156/1914-10-07/p026 · edition original