Zeiten der Erwartung

GA 156/1914-10-07/p027 ·1914-10-07 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Manches getraue ich mich selbst zu beurteilen, da ich selbst eine Zeitlang nahe war einer Arbeitsstätte deutschen Geisteslebens. Ich war von 1889 bis 1897 in Weimar an der Goetheschen Arbeitsstätte, mit der auch Herman Grimm verbunden war. Gerade da konnte man empfinden, wie Goethe der König des Geisteslebens war und Herman Grimm sein von den geistigen Mächten akkreditierter Statthalter. Man konnte empfinden bei Herman Grimm, wie er alles, was da anknüpfte an Goethe, in eine geistige Harmonie von Gesten einzufassen versuchte. Es war sein Bestreben, Goethe geistig zu nehmen. Es war gewissermaßen sein Bestreben, den verstorbenen, aber in seinen Impulsen fortlebenden Goethe anzuerkennen als webend und lebend in dem Geistesleben, in dem man sich selber drinnen fühlte. Es war der Anfang dessen, wie wir heute fühlen, daß die Verstorbenen mit uns innig verbunden sind, und daß sie gleichsam nur in anderer Form mit uns leben, als bevor sie durch die Pforte des Todes geschritten sind. Es bestand das Bestreben, alle einzelnen Phasen, alle einzelnen Momente des Lebens zu einem Gestus zusammenzufassen, mit einem geistigen Gestus.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/156/1914-10-07/p027.json
Cite: GA 156/1914-10-07/p027 · edition original