Zeiten der Erwartung

GA 156/1914-10-07/p028 ·1914-10-07 · original (original)
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Ich glaube ganz sicher, meine lieben Freunde, daß vielleicht manches mich schon damals geführt hätte auf dasjenige, was in der Geisteswissenschaft zu leisten ist, aber nicht auf das, was unsere Eurythmie darbietet, wenn ich nicht damals gerade diesem Geistesleben so nahegestanden hätte, wenn ich nicht mit angesehen hätte, daß - in der Art, wie es damals sein konnte - das Bestreben bestand, etwas herbeizurufen, was geistig ist und sich in der Außenwelt zugleich wirklich auslebt, in der Außenwelt wirklich da ist. Natürlich ist alles das ein großer karmischer Zusammenhang, kein Zufall. Es ist etwas wie eine innere Eurythmie in der Art, wie Herman Grimm das Leben hat nehmen wollen: so wie er die wunderbare Verwandlungsfähigkeit hatte, um als ganz junger Mensch Emerson so in die deutsche Kultur hereinzunehmen, wie er in kein anderes Land hereingenommen worden ist, wie er darauf aufmerksam machte, daß Emerson mehr gelesen werden sollte, weil er die beste Seite des Amerikanismus darstellte, wie er Voltaire, wie er Michelangelo, wie er Raffael auferstehen ließ, und auch Goethe, über den er seine wunderbaren Vorlesungen hielt im Beginne der siebziger Jahre an der Berliner Universität. Den Gelehrten war manches nicht recht an diesen Vorlesungen. Aber in jedem Gedanken, in jedem Wort, in jedem Satz dieser Vorlesungen lebt Goethe; da ist er wieder darinnen, ist mit seinem eigenen Geiste darinnen. Und dem Leben rings umher wollte wirklich Herman Grimm mit seinem Buche «Goethe» etwas geben. Es war ein einzigartiges Ereignis, daß Goethe, der physisch seit 1832 tot war, der fast vergessen war, gerade durch Herman Grimm in den siebziger Jahren wieder auflebte.

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Cite: GA 156/1914-10-07/p028 · edition original