Zeiten der Erwartung
«Goethes Zeitalter ist mit dem Jahrhundert, dem es den Namen gibt, im Untergehen begriffen. Wir begeistern uns für das Vergangene nicht mehr bloß, weil es vergangen ist. Mag heute mit noch so viel Mitteln gegraben und gesucht werden, mögen die Fundberichte der Altertumsforscher noch so emphatisch von der Wichtigkeit neuester Entdeckungen reden: der Goethesche Blick ruht nicht mehr darauf, unter dem der ausgewühlte Marmor früher in Geist verwandelt wurde. Und auch das Publikum fehlt, das früher an den geheimnisvollen Wert der in diesen Fundstücken schlummernden Gedanken glaubte.» - «Das Goethesche Zeitalter ist vorüber! Goethe selbst aber? Hat das nach ihm genannte Jahrhundert alle Goetheschen Gedanken gekannt? Hier stehen wir einer neuen historischen Erfahrung gegenüber.» - «Die Strahlen des noch im Leben stehenden Goethe hatten das deutsche Land erleuchtet, als der Krieg gegen Napoleon I. vollbracht war und das befreite Volk sich im eigenen Hause einzurichten begann, im guten Glauben, als müsse der sieghafte Geist auch dafür ausreichen. Solange die lebten, welche damals noch mitgetan hatten, regierte ein unantastbares Vertrauen auf die Kraft höherer geistiger Arbeit. Die Jahre der Erniedrigung, welche den Befreiungskriegen folgten, konnten es nicht erschüttern. Noch war dieser Geist in den maßgebenden Kreisen lebendig, als ich vor zwanzig Jahren meine Vorlesungen über Goethe hielt. Schon aber bildeten doch die die Übermacht damals, die von der Wissenschaft im hergebrachten Sinne nicht Förderndes mehr erwarteten. Wissenschaft, wie wir Alten den Begriff fassen, beruhte auf unbegrenzter Anerkennung des in griechischer und lateinischer Sprache Überlieferten.» Und so weiter.
Cite:
GA 156/1914-10-07/p037 · edition original