Zweiter Vortrag
Daß immer ein ahnendes Bewußtsein vorhanden war von dem, was Geisteswissenschaft heute zu klarem Bewußtsein bringen muß, das wurde oft, gerade auch an diesem Orte hier berührt und auch sogar mit äußeren Belegen versehen. Immer wieder und wieder muß man daran erinnert werden, wie Geisteswissenschaft zwar in einem gewissen Sinne etwas radikal Neues ist in unserer Zeit, aber doch gut vorbereitet war im gesamten neueren Geistesleben, so daß überall, wo reges geistiges Leben vorhanden ist, Ahnungen aufgetreten sind nicht nur von geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern Ahnungen von der durchgreifenden Bedeutung dieser geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse. Sehen Sie, ein interessantes Beispiel ist das folgende: Ein europäischer Geist versuchte einmal nachzudenken darüber, welche Einflüsse auf sein inneres Leben ganz besonders bedeutsam geworden sind. Dieser europäische Geist, der also nachdachte, welche Einflüsse auf sein inneres Leben ganz besonders bedeutsam geworden sind, erwähnte dann drei verhältnismäßig neuere Geister, die auf sein Leben großen Einfluß gehabt haben. Er erwähnt den Ihnen ja auch in diesen Vorträgen hier von gewissen Gesichtspunkten aus charakterisierten Emerson, er erwähnt Ruysbroek und den deutschen Mystiker Novalis. Diese drei Geister haben einen besonderen Einfluß auf diesen mitteleuropäischen Geist gehabt - so setzt er selber auseinander. Nun sucht er einen gewissen Maßstab zu gewinnen, dieser europäische Geist, für das, was in das Geistesleben der Menschen wird einziehen müssen, wenn dieses Geistesleben die notwendige neue Befruchtung wird wirklich erfahren sollen, und da sagt dieser Geist etwas höchst Merkwürdiges. Er sagt: Wenn man so einen Blick zum Beispiel auf Shakespeare oder Sophokles lenkt, so findet man, daß da menschliche Konflikte zur Darstellung gebracht werden, aber schließlich - so meint der Betreffende -, was sind denn das für Konflikte, die um Hamlet und Ophelia, um Antigone oder Elektra sich abspielen? Gewiß - so meint er für die irdischen Wesen, die man Menschen nennt, höchst bedeutungsvolle Konflikte, aber - so meint der Betreffende -, wenn ein Geist von einem anderen Planeten herunterkommen würde, also aus ganz anderen Erlebnissen heraus, von einem Planeten, wo ganz andersartige Erlebnisse sind, er würde sich nicht sonderlich interessieren können für das, was sich um die Ophelia herum abspielt oder um Wallenstein oder um Maria Stuart. Das kann Erdenmenschen interessieren; wenn aber ein Geist von einem andern Planeten käme, würde er verlangen, daß die Menschen ihm etwas zu erzählen haben, was nicht bloß Erdenwesen interessiert, sondern was Wesen interessiert, die eben im weiteren Umfang dem Kosmos angehören. Und derartige Seelen - meint der Betreffende - gibt es noch recht wenige, welche so etwas zu sagen haben, daß das auch einem Geist, der sich auf die Erde niedersenkt, etwas geben könnte. Und zu diesen Seelen zählt der betreffende Denker den Dichter Novalis. Die Seelenerlebnisse in Novalis’ Dichtungen findet er so fein, so intim, so aus dem herausgeholt, was nicht nur Menschen interessieren kann, was nicht nur im Zeitlichen lebt, sondern was im Ewigen webt und lebt, so daß sich für einen solchen Geist wie Novalis auch ein Wesen interessieren könnte, welches von einem anderen Planeten sich niedersenkte. Ich will Ihnen die Worte vorlesen, die er schrieb, als er Novalis kennenlernte, oder dasjenige kennenlernte, was Novalis als seine Seelenerlebnisse zu geben hat. Es sind sehr schöne Worte, so schön, daß ich vorlesen möchte, was der betreffende Denker gerade mit Bezug auf die Novalis-Erlebnisse zu sagen hat:
Cite:
GA 156/1914-12-13/p021 · edition original