Zweiter Vortrag
«Wenn es aber anderer Beweise bedürfte», so sagt der betreffende Denker in Anknüpfung an das, was er selber an Novalis erlebt hat, und von dem er also meint, daß es auch die Geister anderer Planeten interessieren würde: «Wenn es aber anderer Beweise bedürfte, würde sie» - nämlich die Menschenseele - «ihn unter Die führen, deren Werke fast ans Schweigen rühren. Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu kümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewußtsein sich um einen Grad steigert, und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst plagt, aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würde mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich an, und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich nur im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muß. Auf diesen Höhen allein giebt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, welche ihr ähneln, und die so gebieterisch sind, wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde dem Geisterreiche ankündigen. Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unsrer Seele. Wir empfinden, daß die Leidenschaften des Geistes und Körpers in den Augen einer höheren Vernunft den Klagen von Glocken gleichen würden; aber in ihren Werken sind die genannten Menschen aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch Denen von Wert sind, die nicht von der irdischen Gemeinde sind.»
Cite:
GA 156/1914-12-13/p022 · edition original