Zweiter Vortrag
Die menschlichen Gesten werden Ausdruck für das ganze Leben der Welt, für das Geistleben der Welt. Wie vertieft werden kann die Anordnung der menschlichen Gestalt in der Kunst durch ein solches Wissen von den Geheimnissen des Kosmos, das muß man empfinden! Auch das aber können Sie sich sagen: Was ist denn geschehen, indem das gleichsam luziferisch Nach-oben-Geordnetsein des Hauptes - durch den Sonneneinfluß auf der Erde - nach vorne hingewendet worden ist, und der Mensch mit dem nach vorne gewendeten Haupte auf der Erde steht? Er ist dadurch ein Erdenwesen geworden! Dasjenige, was nicht ein Erdenwesen ist, das kann also nicht Beine und Füße im menschlichen Sinne haben. Sein Haupt, und damit auch das Antlitz, hat der Mensch nicht von der Erde, sondern vom Kosmos; aber es entsteht in seiner Form dadurch, daß es sich der Erde zuwendet. Nehmen wir andere Genien, andere Geister, so können wir sie unmöglich mit menschlichen Beinen machen. Genien, die nicht zum Erdendasein gehören, mit menschlichen Beinen zu machen, ist einfach falsch, ist tatsächlich falsch. Das kann man wirklich einsehen aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis heraus. Und diesen Empfindungen, die aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis kommen, soll unsere Kunst bei unserem Bau allseitig Rechnung tragen.
Cite:
GA 156/1914-12-13/p038 · edition original