Dritter Vortrag

GA 156/1914-12-19/p017 ·1914-12-19 · original (original)
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Wenn man die Philosophien durchgeht, die nicht befruchtet sind von der Geisteswissenschaft, so erscheinen sie einem wie ein solches vergebliches Bemühen. Im Grunde genommen, wenn Sie mein Buch «Die Rätsel der Philosophie» durchzunehmen versuchen, so werden Sie darin erzählt finden, wie seit dem Beginne des philosophischen Ringens der Menschheit die Philosophie gleichsam sich bemüht hat, aus dem Spiegel den Tisch heraus zu bekommen und Teller und Schüsseln daraufzustellen. Deshalb mußte jetzt, wo wir doch eine solche geisteswissenschaftliche Bewegung haben, dem Buche ein Schlußkapitel hinzugefügt werden, welches zeigt, daß das, was vorher da war, ergänzt werden muß durch die Geisteswissenschaft, die es nicht mit Spiegelbildern, sondern mit Realitäten zu tun hat. Nun könnten Sie sagen: Dann ist das Buch gewiß ein solches, das wir nicht zu lesen brauchen, denn wozu sollen wir uns mit dem vergeblichen Ringen der Menschheit befassen? Warum sollten wir überhaupt auf die Philosophie Rücksicht nehmen, da sie sich doch nur mit einem vergeblichen Mühen der Menschheit befaßt? - Ja, so ist die Sache denn doch nicht, so ist sie wirklich nicht! Dasjenige, was wir treiben, indem wir uns in dieses von einem gewissen Gesichtspunkte allerdings vergebliche Ringen vertiefen, ist dennoch etwas unendlich Bedeutungsvolles, etwas, was durch nichts anderes ersetzt werden kann. Für die Erkenntnis der unsterblichen Seelennatur, für die Erkenntnis der geistigen Welt und auch des göttlichen Wesens wird die Philosophie gewiß immer unfruchtbar bleiben, aber sie wird nicht unfruchtbar bleiben für die Entfaltung gewisser menschlicher Kräfte, für die Heranentwickelung gewisser menschlicher Fähigkeiten. Gerade weil die Philosophie als solche sich nicht als tauglich erweist, die genannten Dinge zu erreichen, weil sie gewissermaßen stumpf bleibt gegenüber diesen Dingen, stärkt sie um so mehr die Kräfte der menschlichen Seele. Und wenn sie auch nicht Erkenntnisse überliefern kann, so bereitet sie doch - dadurch, daß sie konzentriertes Gedankenleben ist - die Seele vor, sich geeignet zu machen, um in die geistige Welt hinaufzudringen. Was wir durch die Erarbeitung der Philosophie gewinnen, das hebt uns in die geistige Welt hinein, mehr als irgend etwas anderes. Gerade weil keine Kräfte zur Erwerbung von realen Erkenntnissen verloren gehen, deshalb werden alle Kräfte angewendet für die Erhöhung der menschlichen Fähigkeiten. Das aber müssen wir gerade aus dieser Betrachtung hinnehmen, daß das Erleben auf dem physischen Plane, weil es ein Erleben in Bildern ist, etwas Unreales, etwas Unwirkliches hat, und daß wir im Grunde genommen, indem wir uns in die philosophische Welt einleben, seelisch-geistig ein Unwirkliches durchleben. Aber hat es denn einen Sinn, hat es eine Bedeutung, daß wir Seelisch-Geistiges auf dem physischen Plane als ein Unwirkliches erleben? Können wir darin eine Weisheit der Weltenordnung finden? Eine solche Frage müssen wir uns stellen, und um diese Frage zu beantworten, müssen wir einige Erkenntnisse der Geisteswissenschaft uns vor die Seele rücken.

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Cite: GA 156/1914-12-19/p017 · edition original