Dritter Vortrag
Man möchte gerade mit diesem lebenspraktischen Ziele die Geisteswissenschaft in die Welt hineintragen, auf daß sie die Herzen ergreife. Denn man kann sicher sein, daß dann die Geisteswissenschaft wirklich imstande sein wird, eine neue menschliche Seelenverfassung und damit überhaupt eine ganz neue Form des menschlichen Erlebens auf der Erde und weiterhin im Weltenall zu erzeugen, daß sie nicht nur ein Wissen überliefert, sondern eine Quelle von wahren, echten Lebenskräften ist. Man möchte so gern, daß dieses erfaßt werde, so recht tief erfaßt werde von denen, die heute den Drang fühlen zu dieser Geisteswissenschaft! Denn allzusehr wird noch diese Geisteswissenschaft als etwas Äußerliches genommen, allzusehr noch so, daß sie auch wie anderes Wissen die Neugierde oder sagen wir die Wißbegierde befriedigen soll. Aber der Ernst muß wachsen, mit dem die Geisteswissenschaft ins Leben hineingestellt wird. Das ist es, was unsere Zeit so nötig hat: nicht bloß den Glauben an die geistige Welt, sondern die Möglichkeit, sich der geistigen Welt so gegenüberzustellen, daß sich die menschliche Seele wirklich hinneigt zu der geistigen Welt. Und wie das Kind aus der Mutterbrust die Nahrung saugt, so saugt diese Menschenseele aus dem, was ihr die Geisteswissenschaft zu eröffnen vermag, Lebenssubstanz für eine neue Form des Erdenerlebens, des Erdentuns, des Sich-darinnenWissens in der geistigen Weltenordnung.
Cite:
GA 156/1914-12-19/p037 · edition original