Fünfter Vortrag
Nun werden sich die meisten von Ihnen erinnern, daß ich öfter auseinandergesetzt habe, wie das Jahr in seinem Verlaufe verschieden ist in bezug auf die Kräfte, durch die man mit den geistigen Welten zusammenhängt. Im Sommer, zu Johanni, wenn die Sonnenstrahlen die größte äußere Kraft haben, dann kann man vielleicht durch äußere Ekstase, wie es in den alten keltischen Mysterien der Fall war, zu irgendeinem, eben auch ekstatischen Aufsteigen zur geistigen Welt kommen. Da aber, wo die Tage am kürzesten sind, wo die Sonnenstrahlen ihre geringste äußere Kraft haben und die Winternächte die finstersten sind, um die Weihnachtszeit also, da ist auch die Möglichkeit gegeben, im intimen Seelenleben sich zu den geistigen Welten durchzuringen. Daher haben alle die, welche von diesem Zyklus des Jahres etwas gewußt haben, immer mit Recht behauptet, daß man, wenn man dazu veranlagt ist, in den Tagen vom 21., 23. Dezember bis etwa zum 6. Januar - in diesen Tagen und insbesondere in diesen Nächten — das Intimste des Zusammenhanges mit den geistigen Welten erleben kann. Legenden gibt es — hier ist einmal die Legende von Olaf Åsteson aus Norwegen vorgelesen worden -, die zeigen, wie die Menschen in diesen Tagen ihre tiefste Inspiration gehabt haben. Das hängt wieder damit zusammen, daß um diese Zeit das Weihnachtsfest gefeiert wird, die Geburt des Geistes, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der mit den intimsten Kräften der menschlichen Seelenentwickelung zusammenhängt. Sollte also die Inspiration des alten heidnischen Roms wieder auferstehen, einen Sonnenzyklus darnach, 2160 Jahre darnach, so mußte die Inspiration den Weg nehmen durch das Allerallerkindlichste des Menschen. Das heißt, es mußte die Seele der Jungfrau von Orleans da angepackt werden, wo die Seelen am tiefsten angepackt werden, wo sie gegenüber dem Irdischen am schwächsten sind, und wo der Christus-Impuls noch nicht durch irdische Eindrücke gehindert wird, weil die Seelen noch nicht das Irdische ergriffen haben, und er so allein in das Seelische hineindringen kann. Es wäre also die günstigste Zeit gewesen, wenn die Jungfrau von Orleans unmittelbar vor ihrer Geburt, bevor sie den ersten Atemzug getan hat, noch die Zeit der dreizehn Nächte im Leibe der Mutter durchgemacht hätte. Das hat sie! Denn sie ist am 6. Januar geboren.
Cite:
GA 157/1915-01-19/p016 · edition original