Fünfter Vortrag
Ich sagte, das Zeitalter der Jungfrau von Orleans war dazu geeignet, an die allerschwächsten, physisch allerschwächsten Kräfte des Menschen heranzudringen. Unser Zeitalter muß an die stärksten Kräfte des Menschen herandringen, muß den Willen dort ergreifen, wo dieser Wille am wenigsten geneigt ist, wirklich seine Kräfte zu entfalten. Wir sehen es ja immer wieder und wieder: den Willen dort entfalten, wo es darauf ankommt, diejenigen Kräfte, die unsere irdischen Kräfte sind, unsere Vorstellungskräfte sind, innerlich rege zu machen, das wird dem Menschen das Schwerste. Äußerlich den Willen anzuwenden, das wird ihm verhältnismäßig noch leicht. Aber es ist ein anderer Wille notwendig, wenn die Gedanken so gelenkt werden sollen, daß sie die geistige Welt umfassen. Dieser starke Wille ist es, an den die Geisteswissenschaft als solche appellieren muß, der da sein muß, wenn die Geisteswissenschaft wirklich in unserem michaelischen Zeitalter zu dem führen soll, wozu sie führen muß. Denn nicht dazu sind wir berufen, zu reden über das Mechanische unseres Zeitalters; nicht dazu sind wir berufen, darauf hinzuweisen, daß dieses Mechanische unseres Zeitalters die Menschen ergriffen hat; sondern zu etwas anderem sind wir berufen. Man kann ja allerdings, wenn man ein wenig die Tatsachen preßt, sogar ein bis zu einem gewissen Grade großer Philosoph sein, das sei rückhaltlos anerkannt, man kann auf den Mechanismus unseres Zeitalters hinblicken und dann anfangen, gerade in diesem Mechanismus, den man ganz besonders seinen äußeren Feinden zuschreibt, das Allerverderblichste zu sehen. Und hat man dann eine Anlage - wenn man auch als ein großer Philosoph gilt — zu schimpfen wie eine Hökerfrau, dann kann man es machen wie der Philosoph Bergson, der es jüngst erst wieder zuwege gebracht hat, in einseitiger Weise hinzudeuten — und, in einseitiger Weise vorgebracht, ist vieles oft ganz richtig - auf das Zusammenhängende der mechanischen Wirkung der Kräfte mit dem deutschen Volkswesen. Aber nicht nur darauf kann man hinweisen, daß deutscher Verstand schon in gewissen Gebieten in der Anwendung der mechanischen Kräfte durch den Verstand es zu etwas gebracht hat; man kann auch auf etwas anderes hinweisen. Man braucht aber nicht in dem Tone einer Hökerfrau zu schimpfen, wenn man über solche Zusammenhänge sprechen will, sondern man kann sagen: Vielleicht ist gerade dort, wo der Verstand am stärksten war, um das Mechanisch-Dämonische auszugestalten, auch zugleich der Ort, um diese mechanisch-dämonischen Kräfte zu überwinden durch die besondere spirituelle Mission. Dann aber kann sich der Deutsche leicht mißverstehen lassen, wenn er im Zusammenhange mit dem Hergange seines Geisteslebens versteht, daß er nicht etwa die Aufgabe hat, stehenzubleiben bei dem bloß Mechanischen, das ihm auch in der heutigen Zeit bei den Kriegsaufgaben so große Dienste leistet, nicht bloß stehenzubleiben bei den Mechanismen, weil er sonst bloß Dämonen schaffen würde, sondern daß er jene starken Kräfte im Innern zu entwickeln hat, welche sich diesen Dämonen kühn gegenüberstellen können. Dazu gehört aber nicht das blinde, sondern das durch Überzeugung geleitete Stehen in der geistigen Welt. Wenn wir darauf eingehen einzusehen, daß wir ja für alle Zukunft uns mit einer Dämonenwelt, mit einer wahren Hölle umgeben, indem wir Maschinen über Maschinen konstruieren, so können wir es zwar verstehen, wie die Menschen aus dem materialistischen Geist unserer Zeit heraus immer wieder und wieder sagen: dieses naturwissenschaftlich-materialistische Zeitalter hat uns auf die höchste Höhe gebracht, auf der die Menschheit bisher gestanden hat — wir können das zwar verstehen, denn das gehört sich so für den heutigen materiell denkenden Menschen, aber wir müssen wissen, daß wir durch unsere Maschinen in die Menschheit lauter Dämonen hineinbringen, und wir müssen außerdem wissen, wie wir diesen Dämonen gegenüber die richtigen Widerstände entwickeln können. Nur dadurch stellen wir uns in das richtige Verhältnis zur geistigen Welt, daß wir diese ahrimanisch-dämonischen Kräfte erkennen, daß wir bewußt wissen, daß sie da sind. Denn dadurch nur sind die schädlichen Mächte schädlich, daß wir unbewußt über sie bleiben, daß wir nichts von ihnen wissen. Ich möchte das durch einen Vergleich anschaulich machen.
Cite:
GA 157/1915-01-19/p028 · edition original