Siebenter Vortrag
Als nun diese Worte am Beginn und am Ende der Leichenrede gesprochen waren, begann die Einäscherung. Und es war nun möglich zu beobachten, meine lieben Freunde, daß dieser Moment also wohlgemerkt, nicht der Moment, während dem gesprochen worden ist, sondern der Moment, wo die Wärme des Ofens den Körper ergriff —, daß dieser Moment derjenige war, wo — ich werde darüber genauer nachher sprechen - eine Art ersten bewußten Augenblickes nach dem Tode eintrat. Ich sage «bewußten Augenblikkes» und meine das so: gleich nach dem Tode ist ja eine Rückschau vorhanden auf dasjenige, was im ätherischen Leibe als ein Lebenstableau erscheint. Das geht aber nach einigen Tagen hinweg. Nun war gerade damals die Notwendigkeit gegeben, daß die Zeit ziemlich lang dauerte zwischen dem Tod und der Einäscherung. Mittwoch abends um sechs Uhr trat der Tod ein; am nächsten Montag um elf Uhr fand die Einäscherung statt. Da war also bereits eingetreten das Hinweggehen dieses Bildes, dieses Lebenstableaus. Also der erste Moment von einiger Bewußtheit nach dem Lebenstableau trat dann ein, als die Hitze des Feuerofens den Leib ergriff. Und da zeigte sich denn klar, daß die Art des Anschauens, die Art der ganzen Weltbetrachtung für ein solches geistgewordenes Wesen eine andere ist, als sie ist für die Menschenseele, solange sie im physischen Leibe ist. Im physischen Leibe sehen wir die Dinge des Raumes so, daß sie stehenbleiben, wenn wir uns von ihnen entfernen. Wenn hier ein Stuhl steht und ich sehe ihn, und ich gehe dann ein Stückchen weiter weg und ich schaue mich um, dann ist der Stuhl noch da. Ich schaue auf ihn zurück. Wenn ich weitergehe, so ist der Stuhl immer noch da, er bleibt stehen. Während wir im physischen Leibe leben, ist das für die Ereignisse, die sich in der Zeit abspielen, nicht so. Die Ereignisse, die wir in der Zeit haben an uns vorüberziehen lassen, die bleiben nicht stehen. Ein Ereignis, das an uns vorübergezogen ist, das ist vergangen, und wenn wir zurückblicken, so können wir nur in der Erinnerung zurückblicken. Nur unsere Vergangenheit verbindet uns mit dem Ereignis. So ist es nicht für ein Geistwesen. Das sieht die Ereignisse als stehengeblieben, so wie wir hier die Dinge im Raume als stehengeblieben sehen. Und so war der erste Eindruck, den die Seele hatte, von der ich sprach, der von der Leichenfeier mit alledem, was da getan und gesprochen worden ist. Diese Leichenfeier war ja eben schon fünf bis zehn Minuten vorüber, aber für die Tote war sie noch da, stand sie da, wie sonst für den physischen Menschen nur die Dinge im Raum dastehen. Und der erste Eindruck war das Zurückblicken auf dasjenige, was da gesprochen worden war; also vor allen Dingen auf die Worte, die ihr jetzt ertönten, auf die Worte, die ich eben vorgelesen habe. Es ist da wirklich so, wie Wagner aus einer tiefen Intuition gesagt hat: «Die Zeit wird zum Raum.» Es ist dasjenige, was vergangen ist, nicht vergangen für das geistige Erleben, sondern es steht da, wie für die physischen Menschen die Dinge im Raum dastehen. Das war also der erste Eindruck nach dem Tode, diese Leichenfeier und was dabei gesprochen worden ist. In diesem Falle war das nun so, daß man dieses Zurückblicken und dieses gleichsam Anschauen dessen, was bei der Leichenfeier geschehen war, nicht nennen kann ein endgültiges Aufleuchten des Bewußstseins, denn nachher trat wiederum der Dämmerzustand ein, von dem ich sprechen werde, und erst nach einiger Zeit trat wiederum ein solches Aufleuchten des Bewußtseins ein. Wiederum, langsam und allmählich, tritt das Aufleuchten des Bewußtseins ein. Das dauert Monate, bis es so völlig da ist, daß wir davon sprechen können, daß der Tote die geistige Welt voll um sich hat. Aber später, eben durch ein späteres Aufleuchten des Bewußtseins, zeigte sich gerade bei dieser Persönlichkeit ein intensives Bedürfnis, immer wiederum zu diesem Momente, gerade zu diesem Momente hinzuschauen, diesen Moment klar ins Auge zu fassen. Dieses steht in vollem Einklange, wie ich gleich auseinandersetzen werde, mit dem, was man wissen kann über das ganze Verhalten des Menschen nach dem Tode.
Cite:
GA 157/1915-02-22/p020 · edition original