Siebenter Vortrag
Sehen Sie, der materialistische Denker bleibt gewöhnlich haften an der Frage: Ja, bleibt das Bewußtsein über den Tod hinaus vorhanden? — Nun ist es ein Ergebnis der Geistesforschung, daß die Seele, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, wirklich nicht an einem Mangel des Bewußstseins leidet, sondern daß sie gerade zuviel Bewußtsein hat. Daß später erst eine Art Erwachen auftritt, rührt nicht davon her, daß man sich nach dem Tode ein neues Bewußtsein aneignen muß, sondern davon, daß man zu blendendes Bewußtsein, daß man zuviel Bewußtsein hat und dieses erst nach und nach abgedämpft werden muß. Näheres darüber finden Sie in dem Wiener Zyklus, der ja auch gedruckt ist. Zuviel Bewußtsein, überwältigendes Bewußtsein hat der Mensch nach dem Tode, und er muß sich erst orientieren in dieser Welt des überwältigenden Bewußtseins. Und indem er nach und nach so weit kommt, wird er in einem geringeren Grade bewußt als vorher. Er muß das Bewußtsein erst abdämpfen, wie man das zu starke Sonnenlicht erst abdämpfen muß. Also ein Abdämpfen nach und nach des Bewußtseins ist es, was man zu tun hat. Man kann also nicht von einem Erwachen sprechen wie in der physischen Welt, sondern von einem Erholen von der Überfülle des Bewußtseins zu dem Grade, den man ertragen kann, je nachdem, was man hier in der physischen Welt erlebt hat. Dazu ist etwas notwendig: Um nun in diesem alles überflutenden Lichtesbewußtsein sich nach dem Tode zurechtzufinden, dazu gehört als Ausgangspunkt die Erkenntnis des eigenen Wesens; dazu gehört, daß wir zurückblicken können auf das eigene Wesen, um gleichsam die Richtlinien zu finden, um uns in der geistigen Welt zu orientieren. Der Mangel an Selbsterkenntnis ist eben das Hindernis für das Bewußtsein nach dem Tode. Wir müssen in dem überflutenden Licht uns selbst finden. Und jetzt sehen Sie, warum das Bedürfnis kommt, den Toten zu charakterisieren, um ihm entgegenzukommen in dem Sich-finden.
Cite:
GA 157/1915-02-22/p043 · edition original