Achter Vortrag
Dieser Tod auf dem Schlachtfeld ist ein intensiveres, ein stärker wirkendes Ereignis in unseren Tagen als ein Tod, der auf andere Weise eintritt. Dadurch wirkt das auf die Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, und wirkt belehrend. Der Tod ist schrecklich oder kann wenigstens schrecklich sein für den Menschen, solange er im Leibe weilt. Wenn der Mensch aber durch die Pforte des Todes gegangen ist und zurückblickt auf den Tod, so ist der Tod das schönste Erlebnis, das überhaupt im menschlichen Kosmos möglich ist. Denn dieses Zurückblicken auf dieses Hineingehen in die geistige Welt durch den Tod ist zwischen Tod und neuer Geburt das allerwunderbarste, das schönste, großartigste, herrlichste Ereignis, auf das der Tote überhaupt zurückschauen kann. So wenig wie von unserer Geburt in unserem physischen Erleben jemals wirklich steht — es erinnert sich ja kein Mensch mit den gewöhnlichen, nicht ausgebildeten Fähigkeiten an seine physische Geburt -, sicher steht immer der Tod da für die Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, von dem Auftauchen des Bewußtseins an. Er ist immer vorhanden, aber er steht da als das Schönste, als der Auferwecker in die geistige Welt hinein. Und er ist ein Belehrer wunderbarster Art, ein Belehrer, der wirklich für die empfängliche Seele beweisen kann, daß es eine geistige Welt gibt, weil er das Physische durch seine eigene Wesenheit vernichtet und aus dieser Vernichtung eben nur hervorgehen läßt dasjenige, was geistig ist. Und diese Auferstehung des Geistigen, mit dem vollständigen Abstreifen des Physischen, das ist ein Ereignis, das immer dasteht zwischen Tod und neuer Geburt. Das ist ein tragendes, ein wunderbar großes Ereignis, und in sein Verständnis wächst die Seele nach und nach hinein; wächst hinein in einer ganz einzigartigen Weise dann, wenn nun dieses Ereignis in dem Grade, man möchte sagen, ein selbstgewähltes Ereignis ist, wenn der Mensch sich diesen Tod natürlich nicht gesucht, aber zum Beispiel dadurch, daß er gewissermaßen freiwillig sich eingereiht hat, ihn doch freiwillig gefunden hat. Dadurch gewinnt dieser Moment wiederum an Deutlichkeit. Und ein Mensch, der sonst nicht viel über den Tod nachgedacht hat, der wenig oder nur zum Teil sich um die geistige Welt gekümmert hat, der kann nun gerade in unserer Zeit an dem Tode, nach seinem Tode, einen wunderbaren Belehrer bekommen. Und das ist für den Zusammenhang der physischen mit der geistigen Welt etwas, was gerade in diesem Kriege als etwas ungeheuer Bedeutsames steckt. Ich habe es schon in einigen Vorträgen dieser schweren Zeit betont: es reicht nicht aus dasjenige, was wir tun können durch die bloße Belehrung, durch das Wort; aber ungeheure Belehrung wird für die Menschen der Zukunft kommen dadurch, daß so viele Tode eingetreten sind. Die wirken auf die Toten, und die Toten wiederum greifen ein in den Zukunftskulturprozeß der Menschheit.
Cite:
GA 157/1915-03-02_02/p031 · edition original