Elfter Vortrag

GA 157/1915-04-20/p010 ·1915-04-20 · original (original)
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Diese Erfahrung macht der Mensch, und sie kommt bei etwas tiefer fühlenden Menschen, bei poetisch veranlagten Naturen sehr häufig einmal zum Ausdruck. So vergleicht der Mensch sehr häufig sein Aufwachen am Morgen mit dem Aufwachen der Natur draußen, selbst sein Leben am Tage mit dem Hinaufgehen der Sonne, die Abenddämmerung mit dem Bedürfnis zum Schlafen, das mit Müdigkeit eintritt. Solche Vergleiche kommen aus dem Gefühl heraus, daß der Mensch darinnensteht in der irdischen Natur. Aber solche Vergleiche sind nicht viel wert, denn sie treffen das Eigentliche nicht. Ich habe deshalb schon öfters ausgesprochen, daß, wenn wir einen Vergleich wählen wollen, der wirklich den Tatbestand ausdrückt, wir einen anderen wählen müssen als den, bei welchem wir mit dem Verlauf der Natur draußen den Verlauf beim Einschlafen und Aufwachen vergleichen. Wir müssen vielmehr unser Leben binnen vierundzwanzig Stunden vergleichen mit dem Jahreslauf der Erde. Nur dann, wenn wir den ganzen Jahreslauf nehmen, ist das ein berechtigter Vergleich mit dem, was in uns vorgeht durch einmaliges Wachen und Schlafen im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden. Und es ist falsch, den Wachzustand des Menschen vom Aufwachen bis zum Einschlafen etwa mit dem Sommer zu vergleichen; sondern man muß gerade diesen Wachzustand in der Erdennatur draußen vergleichen mit dem Winter und muß den Sommer vergleichen mit dem Schlafzustand des Menschen. So daß wir sagen könnten, wenn wir den Vergleich anstellen: der Mensch schläft ein, das heißt er geht in den Sommer seines persönlichen Daseins, und indem er aufwacht, entwickelt er sich in den Winter seines persönlichen Daseins; und der Wachzustand würde ungefähr entsprechen dem letzten Herbst, dem Winter und dem ersten Frühling. Warum würde das den Tatsachen entsprechen? Weil, wenn wir uns auf die angedeutete Weise wirklich hinentwickeln zu einem Gliede des ganzen Erdenorganismus, wir in der Tat zu beachten haben, wie im Sommer das, was der Geist der Erde ist, schläft; das ist der wirkliche Schlafzustand der Erde, da tritt das große Bewußtsein des Geistes der Erde zurück. Mit dem Frühling beginnt der Erdgeist einzuschlafen, und er wacht auf im Herbst, wenn die ersten Fröste sind; er denkt dann, er hat seinen wachen Denkzustand. Das ist der Gang des Tages des Erdgeistes durch das Jahr hindurch.

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