Elfter Vortrag
Halten Sie das fest, was ich ausgeführt habe, daß sich im Menschen ein Kern bildet, der durch die Pforte des Todes in das geistige ' Reich eingeht: dieser Kern ist der Träger unseres Karma. Was jeder von uns morgen tun wird, das ist karmisch schon heute in ihm bestimmt. Wir könnten, wenn wir nicht auf der Erde die Aufgabe hätten, den Willen zu entwickeln, unser Karma durchschauen. Wir würden es so weit durchschauen können, daß wir unter Umständen für die nächste Zeit unser Leben voraussehen könnten. Aber indem in den karmischen Strom der Wille hineinschlägt, verdunkelt uns der den Ausblick auf das, was mit uns, sagen wir, am nächsten Tage geschieht. Nur dann, wenn der Wille vollständig schweigt, dann kann es sein, daß etwas durchblickt von dem, was nicht durch uns, sondern mit uns geschieht. Ein Beispiel will ich dafür anführen, das von Erasmus Francisci erzählt wird und auf Wahrheit beruht. Erasmus Francisci wohnte als junger Mensch bei seiner Tante; und da träumte ihm einmal, daß ein Mann, dessen Name ihm auch im Traume zugerufen wurde, auf ihn schießen werde, aber er werde nicht erschossen, sondern seine Tante werde ihm das Leben retten. So träumte er. Am nächsten Tage, bevor irgend etwas geschehen war, erzählte er den Traum seiner Tante. Diese beunruhigte sich sehr über diesen Traum, sagte ihm, daß ganz kürzlich erst wirklich jemand in ihrer Nachbarschaft erschossen worden sei, und riet ihrem Neffen dringend, lieber zu Hause zu bleiben, damit ihm nichts zustoße. Sie gab ihm noch den Schlüssel zur Apfelkammer, damit er jederzeit hinaufgehen könne, sich Äpfel zu holen. Er ging nun zu seiner Stube hinauf und setzte sich an seinen Tisch, um etwas zu lesen. Das, was er da gelesen hatte, war jedoch etwas, was ihn in diesem Momente weniger interessierte als der Schlüssel zur Apfelkammer in seiner Tasche, den ihm seine Tante gegeben hatte. Er entschloß sich, hinaufzugehen zur Kammer. Kaum war er aber aufgestanden, als ein Schuß krachte, der gerade so gerichtet war, daf3 die Kugel die Stelle traf, an der sein Kopf sich befunden hatte, während er las. Wäre er nicht aufgestanden, so wäre die Kugel mitten durch ihn durchgegangen. Der Diener des benachbarten Hauses, dessen Name tatsächlich so lautete, wie er dem Frasmus Francisci im Traum zugerufen worden war, und der ihm unbekannt war, dieser Diener wußte nicht, daß die zwei Gewehre, die er zu behandeln hatte, geladen waren, und als er anfing herumzuhantieren, ging das Gewehr los, und wäre Francisci nicht in jenem Augenblick aufgestanden, um zur Apfelkammer zu gehen, deren Schlüssel ihm seine Tante gegeben hatte, wäre er unfehlbar erschossen worden. Der Traum ist also absolut eine Wiedergabe desjenigen, was sich am nächsten Tage abgespielt hat.
Cite:
GA 157/1915-04-20/p022 · edition original