Zweiter Vortrag
Es gab eine Zeit, die können wir geradezu so beschreiben: Wir sehen das alte Römische Reich. Wir sehen es leben ganz und gar in der Atmosphäre der alten heidnischen Weltanschauung. Wir sehen dieses Reich mit seinen Menschen, die gewissermaßen die obere Schichte bilden. Da unten, wahrhaftig noch mehr unten als unser «unten» heute ist, wirklich im gewöhnlichen Sinne «unten», in den Katakomben unter der Erde, sehen wir die ersten, an Zahl spärlichen Christen, mit dem, was ganz fremd ist der Weltkultur oben, aber was sie so in ihren Herzen tragen, daß die Kraft, mit der sie es tragen, eben weltumschaffend ist. Und, meine lieben Freunde, wenn wir uns diese Katakomben vergegenwärtigen: da unten in den Katakomben, mit ihren Gedanken nach dem Christus-Impuls hin gerichtet, sehen wir die ersten Christen, und oben über ihren Köpfen die Römer — Sie wissen ja, wie die mit den ersten Christen verfahren sind, ich brauche es Ihnen nicht zu erzählen. Und wenn Sie sich ein paar Jahrhunderte danach das Bild vor die Seele malen, wie anders sieht es aus! Hinweggefegt ist das, was oben war, und hinaufgedrungen von unten nach oben ist das, was verachtet unten im Verborgenen war. Gewiß, die Zeiten und die Formen, in denen so etwas geschieht, ändern sich, aber das Wesentliche bleibt. Von denjenigen, die heute die äußere Wissenschaftskultur, die äußere geistige Kultur vertreten, wenn es auch nicht örtlich und wörtlich zu nehmen st, kann auch gesagt werden, sie fühlen sich «oben», und sie nennen das, was getrieben wird in unseren Reihen, eine Weltanschauung von ein paar Sektierern, ein paar unnormalen Köpfen. Aber derjenige, der wirklich in das Wesen dieser unserer Weltanschauung eindringt und der sich vor allen Dingen damit durchdringt, er darf die Zuversicht haben, daß auch hier einmal das Unten das Oben sein wird. Und da können sich dann schon die Gedanken zusammenschließen, die Gedanken der umgestalteten Welt, die aus der so schweren Zeit unserer Tage hervorgehen wird, sich anschließend an das, was im Geistigen die Menschheit ergreifen muß. Denn es gibt kaum eine größere Ähnlichkeit im geschichtlichen Werden als die Ähnlichkeit zwischen unserer Zeit und derjenigen, die sich abgespielt hat, als die alte römische Kultur noch oben und das Christentum, von wenigen getreuen Seelen vertreten, noch unten war.
Cite:
GA 157a/1915-11-18/p010 · edition original