Dritter Vortrag
Und wenn hier jemand praktischer Materialist ist und nicht an Ideale glauben kann, dann liebt er nur das Sein. Aber damit nicht sich die Gesinnung von dem bloßen knüppeldicken Sein hier ausbreite, erstehen immer von Zeit zu Zeit die Idealisten, die die Menschen an die Kraft der Ideale und ihre Wirksamkeit im geschichtlichen Fortschritt glauben machen. Diese Ideale des Sittlichen, des Schönen, des Religiösen, sie werden hineingetragen in die Welt. Gewiß, die grobklotzigen Materialisten, die geben nichts darauf; höchstens tun sie sie ab mit ein paar Worten. Es wird das, was nicht knüppeldick im materiellen Sinne seiend ist, gerade als das Wertvolle des Lebens auf den physischen Plan hereingetragen. Und wenn man von einem höheren menschlichen Gesichtspunkte aus die Entwickelung der Menschheit über die Erde betrachtet, so sagt man sich: Gewiß, die Natur ist groß, ist bedeutend; sie ist «da». Aber was wäre dieses ganze menschliche Leben, wenn nur die seiende Natur wäre - und wäre sie noch so schön -, wenn der Mensch nicht Ideale haben könnte, wenn er nicht angespornt werden könnte, nicht von dem Seienden, sondern von dem Sein-Sollenden des sittlichen, des religiösen, des künstlerischen, des pädagogischen Lebens? Das Nicht-Seiende, möchte ich sagen, das hereindringt aus einer geistigen Welt als die Ideale der Menschheit — das Nicht-Seiende, aber Sein-Sollende, das macht das Leben erst wertvoll. Das empfindet jeder gut, der nicht ganz im Sumpfe des Materialismus untergegangen ist. Und so erscheinen die, die im Laufe der Geschichte auftreten und im besonderen Sinne Träger der Ideale sind, als diejenigen, die das seiende Leben aus dem Sein-Sollenden erst wertvoll machen.
Cite:
GA 157a/1915-11-20/p021 · edition original