Dritter Vortrag
Ich sagte: Es ist wirklich ganz gut in unserer Zeit, sich mit solchen Vorstellungen bekanntzumachen. Denn die schmerzbewegte Seele fragt sich so sehr häufig heute: Warum müssen denn so viele Menschen im blühendsten Lebensalter in die geistige Welt abgerufen werden? Warum können sie ihr Leben hier nicht ausbilden? Und so sonderbar es klingt — wie gesagt, die geistigen Wahrheiten sind ja zuweilen etwas, was grausam scheinen kann -, so ist es doch wahr: In die geistige Welt muß die Möglichkeit hineingetragen werden, auf die Erde so zu blicken, daß diese Erde selber vom Geiste durchdrungen werden kann. Würden alle Menschen ihr normales Lebensalter erreichen, kein Mensch als Märtyrer, kein Mensch im frühen Alter sich zu opfern in der Lage sein, dann würde die Erde von drüben als dem wertlosen Sein verfallen aussehen. Das, was der Erde hier beigemischt ist an Ideellem, ist aber auch zu gleicher Zeit dasjenige, was immerzu aus dem Vergangenen ein besseres Zukünftiges hervorbringt. Und das hängt auch zusammen mit diesem, was da hingeopfert wird. Ein Mensch, der mit sechsundzwanzig Jahren sein ganzes folgendes Leben opfert, der gibt dieses ganze folgende Leben, das er sonst an seine äußere Arbeit gewendet hätte, dem Fortschrittsprozeß der Menschheit. Es lebt weiter. In dem, was jetzt an Fortschrittskräften da ist, lebt das, was Menschen hingeopfert haben an Leben, die sie hätten hier noch durchleben können. Die Erdenentwickelung braucht die Lebensopfer. Da kann man sehen, wie das, was sonst in unserem materialistischen Zeitalter eigentlich nur mehr ein abstrakter Begriff ist, wie das unendlich konkret wird.
Cite:
GA 157a/1915-11-20/p029 · edition original