Der Weihnachtsgedanke und das Geheimnis des Ich
Doch ein Gedanke ist es, der uns vielleicht im Zusammenhang mit diesem durch die Welt tönenden Wahrspruche in dieser Gegenwart noch tiefer berühren muß sogar als in andern Zeiten. Ein Gedanke! Feindlich stehen sich die Völker gegenüber. Blut, viel Blut trankt unsere Erde. Unzählige Tode haben wir um uns herum sehen müssen, fühlen müssen in dieser Zeit. Unendliches Leid webt um uns herum die Empfindungs- und Gefuhlsatmosphäre. Haß und Abneigung durchschwirren den geistigen Raum und könnten leicht zeigen, wie ferne, ferne die Menschen in unserer Zeit noch sind von jener Liebe, von welcher verkünden wollte derjenige, dessen Geburt die Weihenacht feiert. Ein Gedanke aber tritt besonders hervor: Wir denken uns, wie Feind gegen Feind, Gegner gegen Gegner stehen kann, wie Menschen sich gegenseitig den Tod bringen können, und wie sie durch dieselbe Pforte des Todes gehen können mit dem Gedanken an den göttlichen Lichtführer, den Christus Jesus. Wir gedenken, wie über die Erde hin, über welche sich ausbreiten Krieg und Schmerzen und Uneinigkeit, einig sein können diejenigen, die sonst so uneinig sind, indem sie in ihrem tiefsten Herzen ihren Zusammenhang tragen mit dem, der in die Welt gegangen ist an jenem Tage, den wir in der Weihenacht festlich begehen. Wir denken, wie sich durch alle Feindschaft, durch alle Abneigung, durch allen Haß hindurch in die menschlichen Seelen allüberall eine Empfindung in diesen Zeiten drängen kann, drängen kann mitten aus Blut und Haß heraus: der Gedanke des innigen Verbundenseins mit dem einen, mit dem, der damit die Herzen geeint hat durch etwas, das höher ist als alles das, was die Menschen jemals auf der Erde wird trennen können. Und so ist dies doch ein Gedanke von unendlicher Größe, ein Gedanke von unendlicher Tiefe der Empfindung, der Gedanke an den Christus Jesus, der die Menschen eint, wie uneinig sie auch sein mögen in allem, was die Welt angeht.
Cite:
GA 157a/1915-12-19/p006 · edition original