Der Weihnachtsgedanke und das Geheimnis des Ich

GA 157a/1915-12-19/p025 ·1915-12-19 · original (original)
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In diesen Tagen - vielleicht werden Sie es gelesen haben - wird ein Buch herausgegeben von Ernst Haeckel: «Ewigkeit, Weltkriegsgedanken über Leben und Tod, Religion und Entwicklungslehre.» Ein Buch von Ernst Haeckel ist ganz gewiß ein Buch, das aus ernster Wahrheitsliebe hervorgegangen ist, ganz gewiß ein Buch, in . dem ernsteste Wahrheit gesucht wird. Was das Buch bringen soll, von dem verlautet etwa das Folgende: Es soll darauf hinweisen, was jetzt auf der Erde vorgeht, wie die Völker miteinander im Kriege, wie sie miteinander im Hasse leben, wie unzählige Tode sich uns jeden Tag ergeben. Alle diese Gedanken, die sich dem Menschen so schmerzlich aufdrängen, erwähnt auch Ernst Haeckel, selbstverständlich immer mit dem Hintergrund, die Welt so zu betrachten, wie er sie sehen kann von seinem Standpunkte aus - wir haben oftmals davon gesprochen, denn man kann Haeckel, auch wenn man Geisteswissenschafter ist, als einen der größten Forscher anerkennen -, von jenem Standpunkte aus, der, wie wir wissen, auch zu anderem führen kann, der aber zu demjenigen führt, was man in den neueren Phasen der Haeckelschen Entwickelung beobachten kann. Nun macht sich Haeckel Weltkriegsgedanken. Auch er sagt sich, wieviel Blut jetzt fließt, wieviel Tode uns jetzt umgeben. Und er fragt sich: Können da die Gedanken der Religion bestehen daneben? Kann man irgendwie glauben - so fragt Haeckel -, daß irgendeine weise Vorsehung, ein gütiger Gott, die Welt regiert, wenn man sieht, daß täglich durch bloßen Zufall, wie er sagt, so viele Menschen ihr Leben enden, hinsterben durch gar keine solche Ursache, die nachweisbar in irgendeinem Zusammenhang stehen könnte mit irgendeiner weisen Weltenregierung, sondern durch den Zufall, wie er sagt, daß einen diese oder jene Kugel trifft, daß einer sich diesen oder jenen Unfall zuzieht? Haben demgegenüber alle diese Weisheitsgedanken, diese Vorsehungsgedanken einen Sinn? Müssen nicht gerade solche Ereignisse wie diese beweisen, daß der Mensch dabei stehenbleiben muß, daß er eben nichts anderes ist als das, was uns die äußerliche, materialistisch gedachte Entwickelungsgeschichte zeigt, und daß im Grunde nicht eine weise Vorsehung, sondern der Zufall alles Erdensein regiert? Kann man demgegenüber einen andern religiösen Gedanken haben, meint Haeckel, als zu resignieren, sich zu sagen: Man gibt eben seinen Leib hin und geht auf in dem ganzen All? -— Aber wenn dieses All, frägt man weiter — Haeckel stellt diese Frage nicht mehr -, nichts anderes ist als das Spiel der Atome, läuft wirklich dieses Leben des Menschen in einen Sinn des Erdendaseins aus? Wie gesagt, Haeckel stellt diese Frage nicht mehr, aber er gibt in seinem Weihnachtsbuch eben die Antwort: Gerade solche Ereignisse, wie sie uns jetzt so schmerzlich berühren, gerade solche Ereignisse zeigen, daß man kein Recht hat zu glauben, eine gütige Vorsehung oder weise Weltenregierung oder irgend etwas dergleichen durchwebe und durchlebe die Welt. Also Resignation, Sich-Hineinfinden darein, daß es einmal so ist!

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Cite: GA 157a/1915-12-19/p025 · edition original